Widerstandskämpfer ohne Grab

Zum 70. Todestag des Wuppertaler Widerstandskämpfers Ewald Funke

Die Wuppertaler VVN und die Forschungsgruppe Wuppertaler Widerstand (Verein zur Erforschung der Sozialen Bewegungen im Wuppertal. e.V.) laden für den 4. März 08 um 17:30 Uhr zu einer Gedenkfeier am Mahnmal für die Wuppertaler Opfer des Nationalsozialismus in den Deweertschen Garten in Wuppertal-Elberfeld ein.

Am 4. März 2008 jährt sich zum 70. Mal die Hinrichtung des Wuppertaler Widerstandskämpfers Ewald Funke. Auf roten Plakaten und mit einer knappen Pressemitteilung wurde die Hinrichtung des Widerstandskämpfers bekannt gegeben. „Der vom Volksgerichtshof am 16. August 1937 wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zum Tode und zu dauerndem Ehrverlust verurteilte 32jährige Ewald Funke aus Wuppertal-Elberfeld ist heute Morgen hingerichtet worden.“

Sein Vater hatte sich vergeblich um die Herausgabe des Leichnams bemüht. Der Leichnam Ewald Funkes wurde dem Anatomischen Institut der Universität Berlin überlassen. Eine Grabstelle für ihn gibt es nicht, die Leichenteile wurden verbrannt und an unbekannter Stelle auf einem unbekannten Berliner Friedhof bestattet. Gräbersuche

Bei der Vorbereitung einer Gedenkfeier für Ewald Funke hatten sich Wuppertaler HistorikerInnen und die VVN/BdA auf die Suche nach dem Grab von Ewald Funke gemacht. Es stellte sich heraus, das seit 1938 die Leichen der in Plötzensee Hingerichteten nicht mehr zur Beerdigung freigegeben wurden, sondern der Berliner Anatomie zur Verfügung gestellt wurden. Die „nichtverwertbaren Reste“ wurden in Berliner Krematorien verbrannt und in der Regel in anonymen Urnen auf Gräberfeldern auf Berliner Friedhöfen begraben. Zum 70. Todestag von Ewald Funke ist daher ein Gedenken an dem Grab von Ewald Funke nicht möglich.

Die Suche nach den Gräbern geht aber weiter. Das Fehlen der Gräber betrifft nicht nur die Wuppertaler Angehörigen, sondern fast 3000 Familien im In- und Ausland, deren hingerichtete Familienmitglieder kein Grab haben. Deshalb laden die Angehörigen und Freunde der Wuppertaler NS-Opfer zusammen mit der VVN-BdA Anfang Juni 2008 nach Berlin ein, um zusammen mit anderen Angehörigen und Verfolgtenverbänden gemeinsam zu beraten, wie die Gräber doch noch gefunden werden können. Ein weiteres Anliegen ist die Aufstellung von würdigen Erinnerungszeichen an den gefundenen Gräberfeldern und Hinweistafeln in der Gedenkstätte Plötzensee zum Verbleib und zur Verwertung der Leichen in der Berliner Anatomie.

Ewald Funke

Ewald Funke wurde als Kind einer sozialdemokratisch eingestellten Familie am 30. Juli 1905 in Remscheid geboren. Er machte eine Ausbildung als kaufmännischer Angestellter und war bis 1933 beim Arbeitsamt in Wuppertal beschäftigt. Der Vater war Stadtverordneter der USPD in Remscheid und Sekretär des freigewerkschaftlichen Holzarbeiterverbandes und trat nach Auflösung der USPD wieder in die SPD ein. Die Söhne Ewald, Otto und Kurt waren, bevor sie in die KPD bzw. in den Kommunistischen Jugendverband übertraten, wichtige Funktionäre der sozialdemokratischen SAJ und der Jungsozialisten. Ewald Funke trat spätestens 1932 in die Dienste des AM-Apparates in Wuppertal, wo er zunächst für die „Zersetzungsarbeit“ innerhalb der SPD zuständig war. 1933 leitete er den Geheimapparat der KPD in Wuppertal und später im gesamten Bezirk Niederrhein. Die „Abteilung Militärpolitik“ (AM) war der Nachrichtendienst der KPD. Der AM-Apparat war in Wuppertal die einzige Struktur der KPD, die von den ersten Verhaftungswellen verschont blieb. Der Apparat setzte sich in Wuppertal u.a. aus ehemaligen Sozialdemokraten, Intellektuellen und jüdischen Kommunisten zusammen. Hauptaufgabe war die Absicherung der Spitzenfunktionäre bzw. die Beschaffung von illegalen Wohnungen, schließlich wurde ihnen die Spitzelabwehr übertragen. Zusammen mit Kontaktleuten aus den Betrieben verfassten sie Betriebsberichte, erforschten die Stimmung und ’spionierten‘ nach Rüstungsgütern. Der Wiederaufbau der Gewerkschaftsgruppen wurde begleitet durch ein Netz von Vertrauensleuten in den Betrieben, die regelmäßig Informationen und Stimmungsberichte an den AM-Apparat weitergaben. Es gelang in Wuppertal sogar sozialdemokratische Gewerkschafter wie Friedrich Senger und Adolf Mann für diese gefährliche Arbeit zu gewinnen. So konnten die betrieblichen Auseinandersetzungen 1934 mit intern gewonnenen Informationen, veröffentlicht in Zeitungen und Flugblättern, begleitet werden. Höhepunkt der Aktivitäten war die internationale Solidaritätskampagne zu den Wuppertaler „Gewerkschaftsprozessen“, die über die Strukturen des AM-Apparates mitorganisiert wurde. Erst im Juli 1936, gelang der Gestapo der Einbruch in die verdeckten Strukturen. Bis dahin arbeiteten sogar zwei eingeschleuste Kommunisten unerkannt in der SA, in der HJ und in der Deutschen Arbeitsfront.

Ewald Funke wurde im Frühjahr 1934 aus Sicherheitsgründen ins Exil abgezogen und auf die Militärpolitische Schule in Moskau geschickt. Nach Auflösung des AM- Apparates wurde er 1936 von der Schweiz aus als Instrukteur für den Großraum Stuttgart eingesetzt. Auf seiner dritten Reise wurde er zusammen mit Max Stingl verhaftet. Sie waren von dem Spitzel Eugen Wicker, der in der Widerstandsleitung der Stuttgarter KPD arbeitete, verraten worden. Max Stingl und Ewald Funke wurden brutal gefoltert. Stingl Ewald Funke wurde brutal gefoltert. Die Gestapo erpresste schließlich Aussagen und ein umfangreiches Geständnis. Im gleichen Zeitraum konnte die Gestapo in Wuppertal, Hamburg und Düsseldorf weitere AM-Funktionäre wie Karl Ibach, Otto Kettig, Hans Israel und Karl Tuttas festnehmen, so dass eine Überführung der Widerstandskämpfer durch gegenseitige Belastungen bei den unter Folter durchgeführten Verhören für die Gestapo einfach war. Der 1. Senat des Volksgerichtshofs unter dem Vorsitz von Otto Georg Thierack verurteilte Ewald Funke am 16. August 1937 zum Tode. Er starb am 4. März 1938 in Berlin-Plötzensee unter der Guillotine.

Von Plötzensee in die Anatomie

Ewald Funke ist einer von fast 3000 Menschen, die in der NS-Zeit in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Seit einer Verfügung aus dem Jahre 1938 war eine Herausgabe der Leichen Hingerichteter nicht mehr „vorgesehen“. Die Gestapo wollte wohl Solidaritätskundgebungen bei den Beerdigungen der WiderstandskämpferInnen vermeiden. Angehörige, die zum Teil persönlich in Berlin um die Herausgabe der sterblichen Überreste ihrer Kinder nachfragten, wurden abgewiesen. Die Leichen wurden direkt von den Helfern des Chefanatomen Hermann Stieve in die Berliner Anatomie der Friedrich Wilhelms Universität gebracht. Dort dienten die Körper der Hingerichteten zum einen der Ausbildung der Mediziner, zum anderen zu Forschungszwecken. Der bekannte Wissenschaftspublizist Hoimar von Ditfurth erinnerte sich, dass es bei seinem Studium dort nie zu einem Mangel an Leichen gekommen sei. „Es waren ganz überwiegend Leichen von jungen, gesunden Männern. Und noch etwas war allen Leichen gemeinsam. Ihnen fehlte der Kopf.“

Die Körper der WiderstandskämpferInnen wurden aber auch der Forschung zur Verfügung gestellt. Es wurden Präparate von Körperteilen, Schädel- und Knochensammlungen angelegt. Der Berliner Anatom Hermann Stieve profitierte besonders von der „zeitnahen Anlieferung“ junger Frauenleichen, die er für seine gynäkologischen Forschungen nutzte. Sein wissenschaftliches Renommee erwarb er sich damit, dass er „plötzlich zu Tode gekommenen“ jungen Frauen unmittelbar nach dem Tod die Eierstöcke und Gebärmutter entnahm und untersuchte. 1938 schrieb Stieve begeistert von den neuen Möglichkeiten der Forschung: „Durch die Hinrichtungen erhält das Anatomische und anatomisch-biologische Institut einen Werkstoff, wie ihn kein anderes Institut der Welt besitzt.“ In einer Fachzeitung publizierte er 1942 über „Die Wirkung von Gefangenschaft und Angst auf den Bau und die Funktion der weiblichen Geschlechtsorgane“. Noch nach dem Krieg berichtete Hermann Stieve über eine 22-jährige Frau, deren Monatsblutung „infolge starker nervöser Erregung“ elf Monate lang ausgeblieben war. Aber plötzlich trat, „im Anschluss an eine Nachricht, die die Frau sehr stark erregt hatte (Todesurteil), eine Schreckblutung ein. Am folgenden Tag starb die Frau plötzlich durch äußere Gewalteinwirkung.“ Noch 1952 schrieb Stieve im „Zentralblatt für Gynäkologie“, das er „mehrfach“ Gelegenheit hatte, „Männer und Frauen zu untersuchen, die langsam verhungert waren. Gemeint waren wohl „angelieferte Körper“ aus Konzentrationslagern und „Euthanasie“- Anstalten.

Genaueres, was die Verwertung der Körper des einzelnen Hingerichteten angeht, ist nicht bekannt. Das Leichenbuch, das über die Verwendung der Körper Auskunft hätte geben könnte, wurde von interessierter Seite rechtzeitig vernichtet. So konnte auch Hermann Stieve nach dem Krieg seine wissenschaftliche Karriere in Ost und West fortsetzen. Stieve war erfolglos, aber eingehend von den Alliierten und dem MfS befragt worden, ein Mitarbeiter von Stieve wurde allerdings von sowjetischen Behörden verhaftet. Sein Schicksal ist unbekannt. Stieve selbst konnte sich damit herausreden, dass es auch zur Zeiten der Weimarer Republik normal gewesen sei, dass Hinrichtungsopfer der Anatomie „zufallen“. Ohne Leichenbuch konnte ihm eine gezielte Forschung an den Leichnamen politischer NazigegnerInnen nicht nachgewiesen werden. 1952 starb Hermann Stieve, hoch geachtet in Ost und West. In einem Nachruf heißt es: „Als leidenschaftlicher Jäger holte er sich seine Objekte aus manchen Ländern Europas: Was er tötete und was die Anatomie ihm bot, machte er durch Deutung in Worte und Schrift wieder lebendig. Die Leichen stammten von Unglücksfällen oder von Menschen, die wegen gemeiner Verbrechen (…) von regulären Gerichten zum Tode verurteilt waren.“

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.