Naziparadies Deutschland

Zum 61. Jahrestag der Ermordung der jüdischen Brüder
Sleutelberg in Delzijl

von Stephan Stracke

ak 506 vom 19.5.2006

Am 4. und 5. Mai begehen die Niederlande den 61. Jahrestag ihrer Befreiung vom Nationalsozialismus. Ebenfalls zum 61. Mal jährte sich am 24 April die Ermordung der jüdischen Brüder Meijer und Lazarus Sleutelberg. Sie wurden kurz vor der Befreiung der Niederlande bestialisch von einem niederländischen und einem deutschen SS-Mann ermordet.
Die SS-Leute zwangen ihre Opfer mit vorgehaltener Waffe ihr eigenes Grab zu schaufeln und erschossen sie. Eine Woche vor Ende des Krieges, die gesamten Niederlande war bis auf den kleinen Streifen um Delzijl schon befreit, „vollendeten“ sie die Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Delzijl. Einer der Mörder lebt, Siert Bruins, lebt heute ungestört im westfälischen Breckerfeld.

Bruins stammt aus einer Familie niederländischer Nazis, die sich sehr früh in der Nationalsozialistischen Bewegung (NSB) organisierten. Aus „jugendlicher großdeutscher Begeisterung“ meldete er sich im Alter von 20 Jahren im Frühjahr 1941 freiwillig zur Waffen-SS. An der Ostfront erkrankte Siert Bruins und wurde nach längerem Lazarettaufenthalt als Polizeiangestellter im Range eines SS-Unterscharführers zum SD-Grenzposten nach Delzijl versetzt.

Brutale Widerstandsbekämpfung

Aus Delzijl waren bereits 1942 die 126 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner nach Westerbork und später in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort
ermordet worden. Nur wenige Juden, unter ihnen die Brüder Sleutelberg, konnten rechtzeitig untertauchen und sich bei Bauern verstecken.
Die mit deutschen und niederländischen Polizeiangestellten besetzte SD-Dienstelle Delfzijl verstärkte nach der alliierten Niederlage in Arnheim im September 1944 die brutale
Verfolgung des Widerstandes. Hierbei tat sich Siert Bruins besonders hervor. Bruins erschoss festgenommene vermeintliche Widerstandskämpfer „auf der Flucht“, beteiligte sich an Razzien gegen untergetauchte Juden und Zwangsarbeiter und war Angehöriger des Exekutionskommandos. Hauptwidersacher des SD in der Region Delfzijl war 1944 die Widerstandsgruppe „t`Zandt“ [korrigiert] um die Bauern Aldert Derk Omta, Aldert Klaas Dijkema, und dem Tierarzt Jan Siert Reinders. Sie stellten illegale Zeitungen her, hörten alliierte Sender ab, organisierten Lebensmittelkarten und versorgten die „Untergetauchten“ . Auf Anweisung des Sicherheitsdienstes in Groníngen wurde u.a. Bruins und der deutsche SS-Mann August Neuhäuser beauftragt, die Widerstandsgruppe zu liquidieren. Am 9. September 1944 erschoss Neuhäuser den Bauern Omta auf seinem Bauernhof, am 10. September 1944 Ruurd de Bruin in Winschoten. De Bruin wurde heimlich erschossen und die Leiche in einen
Kanal geworfen. Am 21. September 1944 umstellten SD-Angehörige den elterlichen Bauernhof von A. K. Dijkema in Bierum und nahmen Dijkema fest. Dijkema wurde von Bruins und Neuhäuser in einem PKW in seinen Heimatort Appingedam gebracht und dort erschossen. Bruins berichtete später Angehörigen der SD-Dienststelle, man habe Dijkma aussteigen lassen und zu ihm gesagt: „Geh mal eben pissen!“ Sie ließen ihn vor sich hergehen und erschossen ihn. Nach dem Mord benachrichtigten die Täter einen niederländischen Polizeibeamten und gaben zu Protokoll, Dijkma sei nach der Sperrzeit angetroffen worden und auf Anruf nicht stehengeblieben. Man habe ihn deshalb „auf der Flucht erschossen“.
Am 30. September 1944 war Baltus Timmer mit anderen Niederländern von der Landwehr verhaftet worden und dem SD ausgeliefert worden. Sie hatten sich versteckt,
um sich der Zwangsarbeit in Deutschland zu entziehen. Baltus Timmer starb am 4.Oktober 1944 durch ein Exekutionskommando des SD, dem auch Bruins angehörte. Neuhäuser gab Timmer den so genannten Gnadenschuss in den Kopf.

Die Gebrüder Sleutelberg

Am 24. April 1945 verübten Bruins und Neuhäuser ihren letzten Mord. Die amerikanischen und kanadischen Truppen hatten zu diesem Zeitpunkt schon das benachbarte Groningen befreit, als Wehrmachtsoldaten auf einem Bauernhof die untergetauschten jüdischen Brüder Sleutelberg aufgriffen und in das SD-Gefängnis nach Delfzijl brachten. Die Angehörigen der SD–Dienststelle hatten bereits die Flucht mit einem Schiff über den Dollart nach Emden vorbereitet. Trotzdem holten Bruins und Neuhäuser die jüdischen
Brüder aus ihrer Zelle und transportierten sie am 24. April 1945 um 23:00 Uhr mit dem letzten funktionsfähigen Militärfahrzeug am jüdischen Friedhof vorbei zu einem ehemaligen Eisenbahndamm südlich von Delfzijl. Auf dem Eisenbahndamm mussten die Brüder Sleutelberg das Auto verlassen. Ihre Bewacher trieben sie auf eine Wiese, dort händigten die SS-Angehörigen ihren Gefangenen einen Spaten aus und zwangen sie Gräber auszuheben. Nach dem Ausheben der Gräber erschossen sie die Gebrüder Sleutelberg. Mit dem letzten Schiff nach Emden gelang den Mördern und den übrigen Angehörigen des SD-Posten in Delfzijl die Flucht .

Wo ist Bruins?

Die Verbrechen im Raum Delfzijl/ Groningen blieben nach der Befreiung nicht unbekannt. Die niederländische Justiz konnte den deutschen und niederländischen Angehörigen des SD-Grenzpostens in Delfzijl zahlreiche Mordtaten und andere Verbrechen nachweisen. Der Tatbeitrag des nach Deutschland geflüchteten Siert Bruins wurde von einem Militärgericht mit einer Verurteilung zum Tode in Abwesenheit geahndet, das Urteil wurde später in eine
lebenslängliche Strafe umgewandelt. August Neuhäuser und auch andere Angehörige der SD-Jagdkommandos in Delzijl konnten verhaftet und abgeurteilt werden. Nur Siert Bruins blieb verschwunden.

Gefunden

Erst 1978 findet eine Gruppe von Groninger Aktivisten, aus dem Umfeld der jüdischen Gemeinde, das Versteck von Bruins im Ort Breckerfeld bei Hagen. Als ihre Erkenntnisse bei der örtlichen Staatsanwaltschaft aber auf keinerlei Interesse stoßen, bereiten sie auf eigene Faust eine Entführung Bruins nach Holland vor. Die Vorbereitungen sind sehr fortgeschritten, ein Sportflugzeug steht bereit, Bruins soll mit Hilfe eines Lockvogel zu einem Rundflug überredet werden und schließlich auf niederländisches Staatsgebiet gebracht werden. Aus unbekannten Gründen scheitert das Vorhaben, schließlich schalten sie den Nazijäger Simon Wiesenthal ein. Wiesenthal fordert in einem Brief an die zuständige Staatsanwaltschaft die sofortige Festnahme des Bruins. Bruins hatte sich mit falschen Papieren als Siegfried Bruns im westfälischen Breckerfeld niedergelassen und eine bürgerliche Existenz mit der Produktion von Jägerzäunen aufgebaut. Er galt als ein angesehener Bürger seines Wohnortes, war Mitglied des Schützenvereins und des örtlichen Kegelklubs. Jeden Sonntag nahm er als Presbyter seinen reservierten Platz in der Kirche ein. Als die Behörden endlich handelten und Bruins zunächst in Auslieferungshaft nahmen, kam es von Seiten der Bürger von Breckerfeld und eines sozialdemokratischen Ratsherrn zu heftigen Protesten und sogar zu Unterschriftensammlungen für die Freilassung des beliebten Nachbarn. Nach 2-monatiger Auslieferungshaft wurde Bruins durch seine SS-Zugehörigkeit zum Deutschen erklärt und konnte nicht mehr ausgeliefert werden und wurde vorerst freigelassen.

Der Strafprozess

Die deutsche Justiz musste sich nun selbst – diesmal aber vor dem Hintergrund eines massiven internationalen Druckes – mit den Straftaten des Bruins auseinandersetzen. Auch sein Mittäter bei der Ermordung der Gebrüder Sleutelberg und bei den anderen Morden August Neuhäuser, konnte im nahen Dortmund mit Hilfe des Telefonbuchs ausfindig gemacht werden. 1979 kam es vor dem Landgericht Hagen endlich zum Prozess. Angeklagt war aber „nur“ der Doppelmord an den Brüdern Sleutelberg, die Morde an A.K. Dijkma, de Bruin und Omta, die Beteiligung an Genickschüssen und Exekutionskommandos wurden nicht als Mord qualifiziert und blieben in Deutschland straflos. Aber auch der gemeinschaftliche Mord an den Brüdern Sleutelberg wurde in Hagen nicht als Mord verurteilt. Die Richter mussten zwar die brutale Tatbegehung und „niedere Beweggründe“ einräumen, vermochten aber nicht
die persönliche Tatbeteiligung nachzuweisen. Die Verurteilung wegen gemeinschaftlichem Doppelmord konnte nicht ergehen, weil es nicht nachzuweisen war, wer von beiden Tätern Lazarus und Meijer Sleutelberg erschossen hat. August Neuhäuser und Siert Bruins wurden schließlich wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Die Urteile waren milde ausgefallen, weil „solange nach Kriegsende (…) nicht mehr das volle Strafbedürfnis bestehen würde“.Neuhäuser bekam eine Haftstrafe von sechs Jahren, die er wegen seiner Haft in den Niederlanden nicht voll absitzen musste. Bruins wurde zu sieben Jahren verurteilt. Ihm wurde vom Gericht eine gute Sozialprognose attestiert. Nach fünf Jahren war er wieder auf freien Fuß.

Die Grabstelle bleibt unbekannt

Die Ereignisse vom 24. April 1945 sind 2006 in Delfzijl nur noch wenigen bekannt. Die Angehörigen der Widerstandsgruppe „Zwaantje“ sind alle verstorben, an die ermordeten Widerstandskämpfer erinnern aber Gedenksteine und Straßenname. Im Rathaus von Delzijl steht ein würdiges Gedenkzeichen, dass an die Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Delzijl erinnert Nur an die Gebrüder Sleutelberg erinnert nichts. Die verscharrten Körper von Lazarus und Meijer Sleutelberg wurden nie gefunden. Die Mörder haben sich bis heute geweigert die genaue Grabstelle den Angehörigen mitzuteilen. Das Gelände, auf dem die Gräber vermutet wurden, musste einem Industriehafen weichen.

Der Euro-Haftbefehl und die Niederländischen Kriegsverbrecher

Vergessen sind die Verbrechen von Siert Bruins in den Niederlanden keineswegs. Da der Mord an A.K Dijkma und die Beteiligung an den Exekutionen in den Niederlanden
in Deutschland nicht Gegenstand des deutschen Verfahrens, aber sehr wohl Gegenstand des rechtskräftigen Urteils in den Niederlanden von 1949 war, besteht seit vielen Jahren ein
Auslieferungsersuchen der niederländischen Regierung. Seit 2003 besteht in der EU zudem die Möglichkeit, dass Haftstrafen aus den EU-Ländern auch in Deutschland vollstreckt werden können. Bruins ist nicht der einzige niederländische Kriegsverbrecher, der auf der Liste des niederländischen Justizministers steht. 2006 gibt es noch fünf niederländische Kriegsverbrecher, die seit ihrer Flucht aus den Niederlande unbehelligt in Deutschland leben. Neben Siert Bruins sind das Heinrich Boere (Eschweiler), Klaas Faber, Herbertus Bikker (Hagen) und Toon Soetebier (Tübingen). Sie gehören zu der Gruppe der 30.000 Niederländer, die für Deutschland in der SS kämpften oder sich als Angehörige der niederländischen Nazipartei NSB aktiv an der brutalen Zerschlagung des niederländischen Widerstandes und an den Deportationen der Juden beteiligten. Viele der Erschießungen, brutalen Folterungen und Razzien gingen auf das Konto dieser holländischen Nazis. Tausende niederländische SS-Angehörige und Kollaborateure flüchteten 1945 nach Deutschland und entzogen sich so der niederländischen Justiz. Noch über 300 standen 1980 auf den Fahndungslisten der niederländischen Nachbarn. Auslieferungsgesuche der Niederländer wurden mit dem Hinweis auf den automatischen Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch die Zugehörigkeit zur SS zurückgewiesen.

Anhand der Lebenswege dieser fünf letzten niederländischen NS-Täter lässt sich xemplarisch der deutsche Umgang mit NS-Tätern nach 61 Jahren bilanzieren. Niederländische Kriegs-verbrecher flohen massenhaft nach Deutschland, da ein Himmler-Erlass von 1942 sie automatisch zu Deutschen machte. Sieben SS-Angehörige, u.a Herbertus Bikker aus Hagen, die in den Niederlande wegen Mordes in Haft saßen, wurden Weihnachten 1952 sogar von einem deutsch-niederländischen Netzwerk aus dem Gefängnis in Breda befreit und – auch das ist in Deutschland nahezu Unbekannt – im Grenzgebiet von FDP-Funktionären wie dem
damaligen Aachener FDP-Geschäftsführer Otto Graf Lamsdorff empfangen, versteckt und schließlich an die Parteiprominenz in Bonn weitergereicht. Die zu diesem Zeitpunkt rechtsradikal ausgerichtete FDP mit dem Ritterkreuzträger Erich Mende an der Spitze forderte gar in aller Öffentlichkeit die Straffreiheit der vom BKA gesuchten Kriegsverbrecher.

Strafverfahren gegen die Mörder aus den Niederlanden wurden, wenn überhaupt nur auf Druck aus dem Ausland und mit geringem Eifer durchgeführt. Deutsche Ermittlungsverfahren wegen der Kriegsverbrechen wurden mit zum Teil bemerkenswerten Begründungen eingestellt. Heinrich Boere, der nachweislich als Mitglied eines Killer-Kommandos der SS unter dem Codewort „Silbertanne“ niederländische Intellektuelle und Honoratioren eigenhändig in ihren Wohnungen erschossen hatte, ging 1983 in Deutschland straffrei aus, weil die unbeteiligten Opfer nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Dortmund als berechtigte Repressalie ermordet wurden und deshalb auch „meuchlerisch getötet werden durften.“ Auch im Jahre 2006 sind die Bemühungen eher schleppend, die letzten Kriegsverbrecher doch noch einer wenn auch symbolischen Bestrafung zu unterziehen. Von Mai 2003 ist der letzte Versuch zu datieren, die noch lebenden und in den Niederlanden zu lebenslänglichem Gefängnis Verurteilten zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Rechtshilfeersuchen des niederländischen Justizministers fordert von der Bundesregierung, die fünf Täter ihre „holländische Strafe“ nach neuem EU-Recht in einem deutschen Gefängnis absitzen zu lassen. Allerdings ist seitdem nichts geschehen. Die deutschen Justizbehörden prüfen den Sachverhalt solange, bis die Täter tot oder zumindest ärztliche Atteste besitzen, die sie als verhandlungsunfähig deklarieren.
Vielleicht bringt die Neufassung des Euro-Haftbefehls, den Justizministerin Zipries in den nächsten Wochen parlamentarisch durchsetzen will, eine neue Sachlage. Wenn die Regierung sogen. Drogendealer oder Islamisten ausliefern will, dann könnten nach 61 Jahren auch noch NS-Kriegsverbrecher in den Genuss der „europäischen Freizügigkeit“ kommen.

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