Naziparadies Deutschland

Zum 61. Jahrestag der Ermordung der jüdischen Brüder
Sleutelberg in Delzijl

von Stephan Stracke

ak 506 vom 19.5.2006

Am 4. und 5. Mai begehen die Niederlande den 61. Jahrestag ihrer Befreiung vom Nationalsozialismus. Ebenfalls zum 61. Mal jährte sich am 24 April die Ermordung der jüdischen Brüder Meijer und Lazarus Sleutelberg. Sie wurden kurz vor der Befreiung der Niederlande bestialisch von einem niederländischen und einem deutschen SS-Mann ermordet.
Die SS-Leute zwangen ihre Opfer mit vorgehaltener Waffe ihr eigenes Grab zu schaufeln und erschossen sie. Eine Woche vor Ende des Krieges, die gesamten Niederlande war bis auf den kleinen Streifen um Delzijl schon befreit, „vollendeten“ sie die Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Delzijl. Einer der Mörder lebt, Siert Bruins, lebt heute ungestört im westfälischen Breckerfeld.

Bruins stammt aus einer Familie niederländischer Nazis, die sich sehr früh in der Nationalsozialistischen Bewegung (NSB) organisierten. Aus „jugendlicher großdeutscher Begeisterung“ meldete er sich im Alter von 20 Jahren im Frühjahr 1941 freiwillig zur Waffen-SS. An der Ostfront erkrankte Siert Bruins und wurde nach längerem Lazarettaufenthalt als Polizeiangestellter im Range eines SS-Unterscharführers zum SD-Grenzposten nach Delzijl versetzt.

Brutale Widerstandsbekämpfung

Aus Delzijl waren bereits 1942 die 126 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner nach Westerbork und später in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort
ermordet worden. Nur wenige Juden, unter ihnen die Brüder Sleutelberg, konnten rechtzeitig untertauchen und sich bei Bauern verstecken.
Die mit deutschen und niederländischen Polizeiangestellten besetzte SD-Dienstelle Delfzijl verstärkte nach der alliierten Niederlage in Arnheim im September 1944 die brutale
Verfolgung des Widerstandes. Hierbei tat sich Siert Bruins besonders hervor. Bruins erschoss festgenommene vermeintliche Widerstandskämpfer „auf der Flucht“, beteiligte sich an Razzien gegen untergetauchte Juden und Zwangsarbeiter und war Angehöriger des Exekutionskommandos. Hauptwidersacher des SD in der Region Delfzijl war 1944 die Widerstandsgruppe „t`Zandt“ [korrigiert] um die Bauern Aldert Derk Omta, Aldert Klaas Dijkema, und dem Tierarzt Jan Siert Reinders. Sie stellten illegale Zeitungen her, hörten alliierte Sender ab, organisierten Lebensmittelkarten und versorgten die „Untergetauchten“ . Auf Anweisung des Sicherheitsdienstes in Groníngen wurde u.a. Bruins und der deutsche SS-Mann August Neuhäuser beauftragt, die Widerstandsgruppe zu liquidieren. Am 9. September 1944 erschoss Neuhäuser den Bauern Omta auf seinem Bauernhof, am 10. September 1944 Ruurd de Bruin in Winschoten. De Bruin wurde heimlich erschossen und die Leiche in einen
Kanal geworfen. Am 21. September 1944 umstellten SD-Angehörige den elterlichen Bauernhof von A. K. Dijkema in Bierum und nahmen Dijkema fest. Dijkema wurde von Bruins und Neuhäuser in einem PKW in seinen Heimatort Appingedam gebracht und dort erschossen. Bruins berichtete später Angehörigen der SD-Dienststelle, man habe Dijkma aussteigen lassen und zu ihm gesagt: „Geh mal eben pissen!“ Sie ließen ihn vor sich hergehen und erschossen ihn. Nach dem Mord benachrichtigten die Täter einen niederländischen Polizeibeamten und gaben zu Protokoll, Dijkma sei nach der Sperrzeit angetroffen worden und auf Anruf nicht stehengeblieben. Man habe ihn deshalb „auf der Flucht erschossen“.
Am 30. September 1944 war Baltus Timmer mit anderen Niederländern von der Landwehr verhaftet worden und dem SD ausgeliefert worden. Sie hatten sich versteckt,
um sich der Zwangsarbeit in Deutschland zu entziehen. Baltus Timmer starb am 4.Oktober 1944 durch ein Exekutionskommando des SD, dem auch Bruins angehörte. Neuhäuser gab Timmer den so genannten Gnadenschuss in den Kopf.

Die Gebrüder Sleutelberg

Am 24. April 1945 verübten Bruins und Neuhäuser ihren letzten Mord. Die amerikanischen und kanadischen Truppen hatten zu diesem Zeitpunkt schon das benachbarte Groningen befreit, als Wehrmachtsoldaten auf einem Bauernhof die untergetauschten jüdischen Brüder Sleutelberg aufgriffen und in das SD-Gefängnis nach Delfzijl brachten. Die Angehörigen der SD–Dienststelle hatten bereits die Flucht mit einem Schiff über den Dollart nach Emden vorbereitet. Trotzdem holten Bruins und Neuhäuser die jüdischen
Brüder aus ihrer Zelle und transportierten sie am 24. April 1945 um 23:00 Uhr mit dem letzten funktionsfähigen Militärfahrzeug am jüdischen Friedhof vorbei zu einem ehemaligen Eisenbahndamm südlich von Delfzijl. Auf dem Eisenbahndamm mussten die Brüder Sleutelberg das Auto verlassen. Ihre Bewacher trieben sie auf eine Wiese, dort händigten die SS-Angehörigen ihren Gefangenen einen Spaten aus und zwangen sie Gräber auszuheben. Nach dem Ausheben der Gräber erschossen sie die Gebrüder Sleutelberg. Mit dem letzten Schiff nach Emden gelang den Mördern und den übrigen Angehörigen des SD-Posten in Delfzijl die Flucht .

Wo ist Bruins?

Die Verbrechen im Raum Delfzijl/ Groningen blieben nach der Befreiung nicht unbekannt. Die niederländische Justiz konnte den deutschen und niederländischen Angehörigen des SD-Grenzpostens in Delfzijl zahlreiche Mordtaten und andere Verbrechen nachweisen. Der Tatbeitrag des nach Deutschland geflüchteten Siert Bruins wurde von einem Militärgericht mit einer Verurteilung zum Tode in Abwesenheit geahndet, das Urteil wurde später in eine
lebenslängliche Strafe umgewandelt. August Neuhäuser und auch andere Angehörige der SD-Jagdkommandos in Delzijl konnten verhaftet und abgeurteilt werden. Nur Siert Bruins blieb verschwunden.

Gefunden

Erst 1978 findet eine Gruppe von Groninger Aktivisten, aus dem Umfeld der jüdischen Gemeinde, das Versteck von Bruins im Ort Breckerfeld bei Hagen. Als ihre Erkenntnisse bei der örtlichen Staatsanwaltschaft aber auf keinerlei Interesse stoßen, bereiten sie auf eigene Faust eine Entführung Bruins nach Holland vor. Die Vorbereitungen sind sehr fortgeschritten, ein Sportflugzeug steht bereit, Bruins soll mit Hilfe eines Lockvogel zu einem Rundflug überredet werden und schließlich auf niederländisches Staatsgebiet gebracht werden. Aus unbekannten Gründen scheitert das Vorhaben, schließlich schalten sie den Nazijäger Simon Wiesenthal ein. Wiesenthal fordert in einem Brief an die zuständige Staatsanwaltschaft die sofortige Festnahme des Bruins. Bruins hatte sich mit falschen Papieren als Siegfried Bruns im westfälischen Breckerfeld niedergelassen und eine bürgerliche Existenz mit der Produktion von Jägerzäunen aufgebaut. Er galt als ein angesehener Bürger seines Wohnortes, war Mitglied des Schützenvereins und des örtlichen Kegelklubs. Jeden Sonntag nahm er als Presbyter seinen reservierten Platz in der Kirche ein. Als die Behörden endlich handelten und Bruins zunächst in Auslieferungshaft nahmen, kam es von Seiten der Bürger von Breckerfeld und eines sozialdemokratischen Ratsherrn zu heftigen Protesten und sogar zu Unterschriftensammlungen für die Freilassung des beliebten Nachbarn. Nach 2-monatiger Auslieferungshaft wurde Bruins durch seine SS-Zugehörigkeit zum Deutschen erklärt und konnte nicht mehr ausgeliefert werden und wurde vorerst freigelassen.

Der Strafprozess

Die deutsche Justiz musste sich nun selbst – diesmal aber vor dem Hintergrund eines massiven internationalen Druckes – mit den Straftaten des Bruins auseinandersetzen. Auch sein Mittäter bei der Ermordung der Gebrüder Sleutelberg und bei den anderen Morden August Neuhäuser, konnte im nahen Dortmund mit Hilfe des Telefonbuchs ausfindig gemacht werden. 1979 kam es vor dem Landgericht Hagen endlich zum Prozess. Angeklagt war aber „nur“ der Doppelmord an den Brüdern Sleutelberg, die Morde an A.K. Dijkma, de Bruin und Omta, die Beteiligung an Genickschüssen und Exekutionskommandos wurden nicht als Mord qualifiziert und blieben in Deutschland straflos. Aber auch der gemeinschaftliche Mord an den Brüdern Sleutelberg wurde in Hagen nicht als Mord verurteilt. Die Richter mussten zwar die brutale Tatbegehung und „niedere Beweggründe“ einräumen, vermochten aber nicht
die persönliche Tatbeteiligung nachzuweisen. Die Verurteilung wegen gemeinschaftlichem Doppelmord konnte nicht ergehen, weil es nicht nachzuweisen war, wer von beiden Tätern Lazarus und Meijer Sleutelberg erschossen hat. August Neuhäuser und Siert Bruins wurden schließlich wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Die Urteile waren milde ausgefallen, weil „solange nach Kriegsende (…) nicht mehr das volle Strafbedürfnis bestehen würde“.Neuhäuser bekam eine Haftstrafe von sechs Jahren, die er wegen seiner Haft in den Niederlanden nicht voll absitzen musste. Bruins wurde zu sieben Jahren verurteilt. Ihm wurde vom Gericht eine gute Sozialprognose attestiert. Nach fünf Jahren war er wieder auf freien Fuß.

Die Grabstelle bleibt unbekannt

Die Ereignisse vom 24. April 1945 sind 2006 in Delfzijl nur noch wenigen bekannt. Die Angehörigen der Widerstandsgruppe „Zwaantje“ sind alle verstorben, an die ermordeten Widerstandskämpfer erinnern aber Gedenksteine und Straßenname. Im Rathaus von Delzijl steht ein würdiges Gedenkzeichen, dass an die Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Delzijl erinnert Nur an die Gebrüder Sleutelberg erinnert nichts. Die verscharrten Körper von Lazarus und Meijer Sleutelberg wurden nie gefunden. Die Mörder haben sich bis heute geweigert die genaue Grabstelle den Angehörigen mitzuteilen. Das Gelände, auf dem die Gräber vermutet wurden, musste einem Industriehafen weichen.

Der Euro-Haftbefehl und die Niederländischen Kriegsverbrecher

Vergessen sind die Verbrechen von Siert Bruins in den Niederlanden keineswegs. Da der Mord an A.K Dijkma und die Beteiligung an den Exekutionen in den Niederlanden
in Deutschland nicht Gegenstand des deutschen Verfahrens, aber sehr wohl Gegenstand des rechtskräftigen Urteils in den Niederlanden von 1949 war, besteht seit vielen Jahren ein
Auslieferungsersuchen der niederländischen Regierung. Seit 2003 besteht in der EU zudem die Möglichkeit, dass Haftstrafen aus den EU-Ländern auch in Deutschland vollstreckt werden können. Bruins ist nicht der einzige niederländische Kriegsverbrecher, der auf der Liste des niederländischen Justizministers steht. 2006 gibt es noch fünf niederländische Kriegsverbrecher, die seit ihrer Flucht aus den Niederlande unbehelligt in Deutschland leben. Neben Siert Bruins sind das Heinrich Boere (Eschweiler), Klaas Faber, Herbertus Bikker (Hagen) und Toon Soetebier (Tübingen). Sie gehören zu der Gruppe der 30.000 Niederländer, die für Deutschland in der SS kämpften oder sich als Angehörige der niederländischen Nazipartei NSB aktiv an der brutalen Zerschlagung des niederländischen Widerstandes und an den Deportationen der Juden beteiligten. Viele der Erschießungen, brutalen Folterungen und Razzien gingen auf das Konto dieser holländischen Nazis. Tausende niederländische SS-Angehörige und Kollaborateure flüchteten 1945 nach Deutschland und entzogen sich so der niederländischen Justiz. Noch über 300 standen 1980 auf den Fahndungslisten der niederländischen Nachbarn. Auslieferungsgesuche der Niederländer wurden mit dem Hinweis auf den automatischen Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch die Zugehörigkeit zur SS zurückgewiesen.

Anhand der Lebenswege dieser fünf letzten niederländischen NS-Täter lässt sich xemplarisch der deutsche Umgang mit NS-Tätern nach 61 Jahren bilanzieren. Niederländische Kriegs-verbrecher flohen massenhaft nach Deutschland, da ein Himmler-Erlass von 1942 sie automatisch zu Deutschen machte. Sieben SS-Angehörige, u.a Herbertus Bikker aus Hagen, die in den Niederlande wegen Mordes in Haft saßen, wurden Weihnachten 1952 sogar von einem deutsch-niederländischen Netzwerk aus dem Gefängnis in Breda befreit und – auch das ist in Deutschland nahezu Unbekannt – im Grenzgebiet von FDP-Funktionären wie dem
damaligen Aachener FDP-Geschäftsführer Otto Graf Lamsdorff empfangen, versteckt und schließlich an die Parteiprominenz in Bonn weitergereicht. Die zu diesem Zeitpunkt rechtsradikal ausgerichtete FDP mit dem Ritterkreuzträger Erich Mende an der Spitze forderte gar in aller Öffentlichkeit die Straffreiheit der vom BKA gesuchten Kriegsverbrecher.

Strafverfahren gegen die Mörder aus den Niederlanden wurden, wenn überhaupt nur auf Druck aus dem Ausland und mit geringem Eifer durchgeführt. Deutsche Ermittlungsverfahren wegen der Kriegsverbrechen wurden mit zum Teil bemerkenswerten Begründungen eingestellt. Heinrich Boere, der nachweislich als Mitglied eines Killer-Kommandos der SS unter dem Codewort „Silbertanne“ niederländische Intellektuelle und Honoratioren eigenhändig in ihren Wohnungen erschossen hatte, ging 1983 in Deutschland straffrei aus, weil die unbeteiligten Opfer nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Dortmund als berechtigte Repressalie ermordet wurden und deshalb auch „meuchlerisch getötet werden durften.“ Auch im Jahre 2006 sind die Bemühungen eher schleppend, die letzten Kriegsverbrecher doch noch einer wenn auch symbolischen Bestrafung zu unterziehen. Von Mai 2003 ist der letzte Versuch zu datieren, die noch lebenden und in den Niederlanden zu lebenslänglichem Gefängnis Verurteilten zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Rechtshilfeersuchen des niederländischen Justizministers fordert von der Bundesregierung, die fünf Täter ihre „holländische Strafe“ nach neuem EU-Recht in einem deutschen Gefängnis absitzen zu lassen. Allerdings ist seitdem nichts geschehen. Die deutschen Justizbehörden prüfen den Sachverhalt solange, bis die Täter tot oder zumindest ärztliche Atteste besitzen, die sie als verhandlungsunfähig deklarieren.
Vielleicht bringt die Neufassung des Euro-Haftbefehls, den Justizministerin Zipries in den nächsten Wochen parlamentarisch durchsetzen will, eine neue Sachlage. Wenn die Regierung sogen. Drogendealer oder Islamisten ausliefern will, dann könnten nach 61 Jahren auch noch NS-Kriegsverbrecher in den Genuss der „europäischen Freizügigkeit“ kommen.

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„Wir haben das Recht zu flüchten“

 

Ein unbekanntes Kapitel des Widerstands: Aus den Todeszügen in die Konzentrationslager flüchteten Hunderte, die unter Lebensgefahr aus den Waggons sprangen.

Von Stephan Stracke

(Süddeutsche 26.1.2013)

 

Monika de Groot (Name geändert) war 1943 acht Jahre alt. Sie lebte in einem Dorf in den Niederlanden in unmittelbarer Nähe zur Bahnstrecke nach Deutschland. Über diese Gleise fuhren die Deportationszüge aus dem Sammellager Westerbork in die Vernichtungslager in Auschwitz und Sobibór. Über 100 000 Juden wurden auf diesem Weg in die Gaskammern transportiert.

Anfang September 1943 wurde die junge Niederländerin Augenzeugin einer Flucht aus einem dieser verplombten und schwer bewachten Todeszüge. Am helllichten Tag sprangen acht junge, jüdische Gefangene, zwei Frauen und sechs Männer, hintereinander in die Freiheit. Beim Aufprall verletzte sich eine der Frauen schwer. Beide Arme gerieten unter die Räder. Mit letzter Kraft lief sie mit ihren halb abgerissenen Händen weg.

Fünfzig Jahre später schrieb Monika de Groot an die Gedenkstätte Westerbork und berichtete über ihr Erlebnis an der Bahnstrecke und fragte nach Überlebenden. Die 1918 in Amsterdam geborene Sonja Wagenaar-van Dam meldete sich. Und sie berichtete nach 50 Jahren über ihre Flucht vom 3. September 1944 aus dem letzten Transport, der nach Auschwitz fuhr, und über das Schicksal ihrer schwerverletzten Gefährtin Ciska. Als der Transport zusammengestellt wurde, musste die kleine Gruppe unter allen Umständen zusammenbleiben, denn sie hatten sich fest vorgenommen, gemeinsam aus dem Deportationszug zu entkommen, „denn einer der Männer hatte eine Säge bei sich. Die hatte er jeden Abend vor der Leibesvisite am Lagertor an sein Bein gebunden, damit er sie immer dabei hatte.“

Im Waggon gingen die Mitglieder der Gruppe direkt zur Rückwand und begannen sofort nach der Abfahrt ein Loch in die Holzwand zu sägen. Als das Sägen begann, brach im Waggon Panik aus, weil die anderen Gefangenen aufgrund von angedrohter Vergeltung im Falle von Fluchten um ihr Leben fürchteten.

Sonja Wagenaar-van Dam erinnert sich: „Die Männer unserer Gruppe mussten sich mit ihren Körpern schützend vor uns stellen. Als wir anfingen, haben wir erklärt, was wir vorhaben. Wir haben das Recht dazu. Wir haben das Recht zu flüchten. Wer mitgehen möchte, darf mit.“

Trotz hoher Geschwindigkeit ließen sie sich nacheinander durch ein Loch in der Rückwand unter den Zug fallen. Alle acht überlebten. Die junge Frau, deren Hände durch die Zugräder fast abgetrennt wurden, wurde in Zwolle unter Untergrundbedingungen notoperiert. Sie starb in den Sechzigerjahren an den Spätfolgen einer Infektion, die sie sich bei den Amputationen zugezogen hatte.

 

Diesen und andere Fälle hat die Berliner Historikerin Tanja von Fransecky jetzt, 68 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945, im Rahmen einer Dissertation dokumentiert, die im Herbst 2013 veröffentlich wird. Nach mehrjährigen Recherchen in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Israel hat sie herausgefunden, „es waren in Westeuropa fast 750 Juden, die versucht haben, aus den Deportationszügen zu fliehen. Wer es wagte, aus den Waggons abzuspringen, konnte vom Zug erfasst und zerquetscht werden, manche verletzten sich beim Sprung aus dem schnell fahrenden Zug schwer und wurden oftmals von den lokalen Polizeibehörden wieder verhaftet. Die meisten Todesfälle gab es, weil die Begleitmannschaften, in der Regel Schutzpolizisten, von der Schusswaffe Gebrauch machten. Viele jedoch überlebten den Sprung aus dem Deportationszug.“

Es ist ein unbekanntes Kapitel des jüdischen Widerstands, dass viele Deportierte versuchten, aus den Todeszügen zu fliehen. Auch in Osteuropa fanden, wie der Historiker Reuben Ainsztein 1974 schrieb, „noch Hunderte die Kraft zu Fluchtversuchen aus den Zügen, die sie nach Belzec oder in andere Vernichtungszentren bringen sollten.“ Der Überlebende Joseph Silber bezeichnet die Fluchten sogar als „jüdische Revolte gegen die Deportation“.

 

In Frankreich und in Galizien nahmen die Fluchtversuche mit der Ausbreitung von Gerüchten über die Massenvernichtung so deutlich zu, dass die Menschen auch im Winter unbekleidet oder ohne Schuhe in die Waggons gesperrt wurden, um Fluchten zu verhindern. Im Herbst und Winter 1942 versuchten trotzdem Hunderte, aus den Zügen nach Belzec durch Abspringen zu flüchten. Sogar aus Zügen, die das Dorf Belzec bereits erreicht hatten, sprangen Deportierte aus den Waggons.

Noch heute erinnern sich ältere Leute wie Franciszek Wloch, die an der Bahnstrecke Lublin – Belzec lebten, an die „Springer“. Der Pole arbeitete an der Bahnlinie nach Belzec und wurde zum Augenzeugen der Transporte: „Die Fenster waren nun mit Stacheldraht verschlossen und es gab Wachen nicht nur am Ende des Zuges sondern auch am Anfang, gleich hinter der Lokomotive. Im Winter waren die Leute nackt und sahen aus wie Skelette. In leeren Viehwaggons fanden wir herausgeschnittene Löcher, durch die die Leute ihre Kinder hinausgeworfen hatten oder selbst versucht hatten, abzuspringen. Einige, oder sogar Dutzende Körper dieser verzweifelten Menschen wurden täglich an der Bahnlinie gefunden. (…) Manchmal konnte auch jemand erfolgreich abspringen. Nackte Menschen starben hauptsächlich an der Kälte. Ich weiß von keinem Fall, in dem die örtliche Bevölkerung, Polen oder Ukrainer, diese Flüchtlinge gerettet hat.“

Laut Tanja von Fransecky haben im Vergleich mit den Niederlanden vor allem in Frankreich und Belgien etliche Deportierte versucht mit allen möglichen in die Waggons geschmuggelten Werkzeugen, die Waggons von innen zu durchlöchern, die Gitterstäbe zu verbiegen oder mit umfunktionierten Taschenmessern oder Metallsägen zu zersägen, um flüchten zu können. Am bekanntesten sind die Fluchtversuche aus dem 20. Deportationszug in Belgien geworden. Am 19. April 1943 stoppten drei junge Männer auf offener Strecke einen Zug, der 1.398 Juden vom belgischen Sammellager Mechelen nach Auschwitz bringen sollte. Auf eigene Faust hielten die Widerstandskämpfer Youra Livchitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau, ausgerüstet nur mit einer Pistole und Zangen, den Todeszug mit einer roten Sturmleuchte an und befreiten 17 Männer und Frauen. Dann eröffneten die überraschten deutschen Bewacher das Feuer.

Bis der Todeszug die deutsche Grenze erreichte, konnten weitere 225 Gefangene fliehen. Von den insgesamt 232 Zugflüchtlingen wurden 87 erneut verhaftet und mit einem der folgenden Transporte deportiert, 26 wurden erschossen, 119 Deportierten gelang es zu entkommen.

Auch Willy Berler war in diesem Todeszug und versuchte die Flucht: „Ich zieh’ mich schnell zur Luke hoch und lehne mich mit dem Oberkörper hinaus, um mich ins Leere fallen zu lassen, als mich ein schrecklicher Anblick trifft: Der unglückliche Kerl vor mir hat seinen Sprung verfehlt und ist am Zug hängengeblieben. Sein Kopf ist wie eine Melone aufgeplatzt. (…) Ich springe nicht. Ich ziehe mich zurück, rolle mich im Waggon zusammen und beschließe, die Reise fortzusetzen, die lange Reise. Alles in allem, sage ich mir, fahren wir in ein Arbeitslager; und ich bin jung und stark. Wenn ich gewusst hätte! Der hundertste, der tausendste Teil der Wahrheit von Auschwitz hätte gereicht, dass ich mich entschieden hätte zu springen.“

Ganz hinten im letzten Waggon befand sich die gelernte Krankenschwester Regine Krochmal. Sie sollte zusammen mit einem Arzt die Schwerkranken nach Auschwitz begleiten. Krochmal hatte sich zusammen mit jungen Juden und ehemaligen Spanienkämpfern in der Widerstandsgruppe „Österreichische Freiheitsfront“ engagiert und wurde in einer illegalen Wohnung in Brüssel festgenommen. Kurz bevor sie in den Waggon einstieg, sprach der jüdischer Lagerarzt die junge Frau an: „Schneide die Latten auf und spring, denn man wird dich verbrennen“, und steckte ihr ein Messer zu.

Als der Zug losfuhr, weihte Régine Krochmal den begleitenden Arzt in ihre Pläne ein und versuchte ihn zu überreden, mit ihr zu „flitzen“. Doch der weigerte sich mit dem Hinweis auf die Hilfebedürftigkeit der Kranken und wollte sie an der Flucht hindern. „Denn die Nazis hatten gedroht, dass alle erschossen werden, wenn einer flieht.“

Es kam zu einem Wortgefecht, zu einem Kampf. Mit all ihrem Überlebenswillen schlug die zierliche Widerstandskämpferin den Arzt nieder. „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Ich habe zugeschlagen und er lag auf einmal auf dem Boden. Dann habe ich die Gitter durchgesägt. Mit letzter Kraft habe ich mich zu der kleinen Öffnung hochgezogen, mich durchgezwängt und draußen festgekrallt und darauf gewartet, dass der Zug langsamer wird.“ Dann sprang sie und landete unverletzt in der Böschung neben dem Bahndamm.

Simon Gronowski sprang mit Hilfe seiner Mutter als 11-Jähriger aus dem 20. Deportationszug und überlebte, im Gegensatz zu seiner Mutter, die nicht mehr springen konnte und in Auschwitz vergast wurden. Simon Gronowski, der heute als Rechtsanwalt in Brüssel lebt, erinnert sich an seine Flucht: „Meine Mutter sagte auf Jiddisch zu mir: ‚Der Zug fährt zu schnell.‘ Plötzlich ist der Zug langsamer geworden, und in diesem Moment bin ich gesprungen.“ Für Simon Gronowski waren es die letzten Momente bei seiner Mutter: „Ich höre, wie die Wachen in eine Richtung laufen, weil sie etwas bemerkt hatten. Sie schießen und schreien. Meine Mutter konnte nicht mehr springen. Ich bin in den Wald gelaufen, die ganze Nacht bin ich gelaufen, aber meine Mutter habe ich nie wiedergesehen.“ Simon Gronowski hatte Glück. Er wurde von einem belgischen Gendarmen und seiner Frau aufgenommen und nicht verraten. Die Rettung war kein Einzelfall: Fast alle Geflüchteten aus diesem Deportationszug überlebten mit Hilfe der belgischen Bevölkerung.

Für Tanja von Fransecky ist es kein Zufall, dass die Fluchten und Fluchtversuche so lange unerforscht blieben. Fluchten aus Deportationszügen passten nicht in das Bild des wehrlosen jüdischen Opfers. Auch die grausamen Umstände der Deportationen könnten dazu beigetragen haben. Obwohl es zahlreiche Berichte über die Deportationen gibt, fallen etliche dieser Berichte knapp und vage aus. Nur wenige Holocaust-Überlebende haben die Verzweiflung der Deportierten und das Sterben in den Waggons in so deutliche Worte gefasst wie Paul Chitelman, der von Frankreich aus nach Auschwitz deportiert wurden: „Drei Tage. Drei Nächte. Hunger. Durst. Wahnsinn. Urin. Exkremente. Wahnsinn. Schläge. Schreie von Wahnsinnigen.“

Vielfach überliefert sind auch Rangeleien und teilweise hart ausgetragene Auseinandersetzungen um Wasser und Plätze an den vergitterten Luken. Tanja von Fransecky nimmt an, dass die überlieferten Handgreiflichkeiten und teilweise hart ausgetragenen Konkurrenzen um Ressourcen und um die Deutungshoheit der Situation als Verrohung im Umgang miteinander wahrgenommen wurden und daher schambehaftet sind.

Diejenigen, die aus einem Deportationszug flüchten wollten, standen zudem vor einem moralischen Dilemma, denn allen Deportierten wurde beim Einsteigen in die Waggons angedroht, falls jemand aus ihrem Waggon während der Fahrt fliehen würde, werde man alle übrigen Waggoninsassen erschießen. Für viele überlebende Zugflüchtlinge war es sicherlich eine moralische Last, die Flucht gewagt zu haben und dabei die Zurückbleibenden verlassen und gefährdet zu haben.

Ebenso traumatisch konnte es sein, als einzelne die Flucht gewagt zu haben und dabei die anderen, zum Teil auch Familienmitglieder, zurückgelassen zu haben. Claire Prowizur musste ihren schon bewusstlosen schwerkranken Vater im Waggon zurücklassen. In einem Interview berichtete sie Tanja von Fransecky, dass sie erst 20 Jahre später in Israel von einer Auschwitz-Überlebenden erfahren, dass ihr Vater, als er noch einmal das Bewusstsein erlangte, über ihre Flucht glücklich gewesen sei.

 

Für die Bewachung der Züge war die Ordnungspolizei zuständig. Tatsächlich wurden auch andere Einheiten eingesetzt, in Frankreich etwa die zur Wehrmacht gehörende Feldgendarmerie und die französische Gendarmerie. Jeweils 1000 Deportierte wurden in der Regel von einem Offizier und 15 Polizisten bewacht. Wie sich ein Bewacher 1968 erinnerte, war die Begleitung der Todeszüge unter den Polizisten wegen der damit verbundenen materiellen Vorteile sogar „besonders beliebt“.

Keiner der in den Begleitkommandos eingesetzten Polizisten ist für diese Tatbeteiligung am Holocaust in Deutschland je verurteilt worden. Angehörige der Begleitkommandos wurden in den Strafverfahren gegen Deportationsverantwortliche oftmals lediglich als Zeugen, nicht als Beschuldigte vernommen. Erst im Sommer 2009 musste die Dortmunder Staatsanwaltschaft zum ersten Mal in der Geschichte Mordermittlungen gegen einen Schutzpolizisten aufnehmen.

Im Rahmen ihrer Forschungen war Tanja von Fransecky auf einen Transportführerbericht gestoßen. Laut diesem Dokument war ein Jude am 13. März 1943 in Frankreich aus einem Deportationszug geflüchtet. Ein Zugwachtmeister der Schutzpolizei namens Kantim zog die Notbremse, schoss auf den Flüchtenden und nahm mit einem von einer Passantin geliehenen Fahrrad die Verfolgung auf und „erledigte“ den Juden am Ufer der Marne mit einem Kopfschuss. Diese Tat hatte der verantwortliche Polizeioffizier in einem Bericht für seine Vorgesetzten dokumentiert, nicht ohne die „Geistesgegenwärtigkeit“ des Todesschützen namentlich zu loben. Das Schriftstück wurde nach dem Krieg zunächst in französischen Archiven aufbewahrt und 1971 den deutschen Strafverfolgungsbehörden in Ludwigsburg, Köln und der Sonderkommission des LKA in Düsseldorf zur Kenntnis gebracht.

Im Februar 2009 stieß Fransecky im Internet auf die Ehrung eines gewissen Walter Kantim wegen seiner 60jährigen Mitgliedschaft in der „Gewerkschaft der Polizei“ (GDP) in Bottrop. Weitere Recherchen ergaben, dass Walter Kantim laut seiner Entnazifizierungsakte in der fraglichen Zeit im Polizeiregiment 4 in Paris „gedient“ hatte und mit seiner Kompanie auch Deportationszüge begleitete. Kantim hatte seine Entnazifizierung aber problemlos überstanden und konnte seine Polizeikarriere im Diebstahldezernat bei der Bottroper Kriminalpolizei ungestört fortsetzen. Die größte Überraschung war, dass Walter Kantim sogar noch lebte.

Ein Strafverfahren wegen Mordes kam 2009 aber nicht mehr zustande. Der damals 94-jährige Zugwachtmeister Kantim war ernsthaft erkrankt und nicht mehr verhandlungsfähig. Er ist mittlerweile verstorben. Zu spät kommen auch die Erkenntnisse für die jetzt ermittelnde Sonderkommission des LKA in Düsseldorf. Sie fanden das Morddokument unberücksichtigt im Aktenbestand ihrer Vorgänger beim LKA. 1971 galten die Kopfschüsse auf flüchtende Juden erstaunlicherweise noch nicht als Mord.

 

Der Autor ist Historiker mit einem Lehrauftrag an der Universität Wuppertal.

 

 


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Unterhändler mit Vorgeschichte

Interview mit Stephan Stracke

Schröders Entschädigungsbeauftragter Otto Graf Lambsdorff ist ein Mann mit Vergangenheit. Dennoch halten ihn auch Organisationen der Nazi-Opfer für den richtigen Unterhändler

Interview: Katja Leyrer

Jungle World Nr. 41, 6. Oktober 1999

Wie sind Sie darauf gekommen, die Biografie von Otto Graf Lambsdorff unter die Lupe zu nehmen?

Es war ein Zufallsfund. Im Bundesarchiv in Koblenz stieß ich im Zusammenhang mit geflüchteten Nazi-Kriegsverbrechern auf BKA-Akten aus dem Jahr 1953, in denen der Name Lambsdorff in einem Vernehmungsbericht auftauchte. Es ging um einen verurteilten holländischen SS-Angehörigen, der im Raum Aachen untergetaucht war und mit Hilfe damaliger FDP-Größen versteckt wurde.

Und was hat Otto Graf Lambsdorff damit zu tun?

Der Mann, damals 28 Jahre alt, war dort 1952/53 Bezirksvorsitzender der FDP. Man muss dazu wissen, dass die FDP in Nordrhein-Westfalen von ehemaligen SS-Funktions-Eliten und HJ-Führern unterwandert war. Kurz: Otto Graf Lambsdorff ist zumindest kraft seiner damaligen Funktionen als Bezirksvorsitzender und Geschäftsführer mit verantwortlich und beteiligt gewesen an einer Reihe von Aktivitäten, die in Hilfe für ehemalige Kriegsverbrecher und Propaganda für deren Generalamnestie bestand.

Lambsdorff unterschied sich damit nicht von seinen Parteikollegen, denn die Unterstützung für NS-Täter gehörte zum politischen Programm der FDP bis etwa 1956.

Vom Auschwitz-Komitee und anderen NS-Opferverbänden wurde Lambsdorff wegen dieser Vergangenheit als „untragbar“ bezeichnet. Haben Sie seinen Rücktritt wirklich erwartet?

Wir wollten Druck auf die Verhandlungen ausüben, den Zwangsarbeiter-Organisationen und ihren Anwälten Argumente in die Hand geben, um dem sich abzeichnenden souveränen Gebaren Lambsdorffs etwas entgegen zu setzen. Wichtig war uns eine Kritik an der Bundesregierung, nicht allein an der Person des Verhandlungsführers, sondern der Position, die er symbolisiert.

Wie hat Lambsdorff auf Ihre Veröffentlichungen reagiert?

Gegenüber einem Spiegel-Redakteur, der ihn ganz taufrisch ans Telefon bekam, sagte er, es handele sich um eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit, er könne sich an diesen Kriegsverbrecher nicht erinnern, auch mit dem Stellvertreter Heydrichs sei er nie zusammengetroffen. Auf der Pressekonferenz am 24. August in Bonn haben wir dann die Dokumente vorgelegt. Danach schickte Lambsdorff Faxe z. B. an den WDR, in denen nur noch stand, unsere Belege seien oberflächlich recherchiert.

Bis heute gibt es kein wirkliches Dementi, keine Unterlassungsklage, keine angedrohten Strafanzeigen – all das, was sonst in derartigen Fällen zum Anwaltsspiel gehört. In der Sache hat er nichts wirklich entgegnen können.

Was könnte Lambsdorff mit „Dichtung“ neben der Wahrheit meinen?

Von unserer Seite können wir sämtliche Vorwürfe belegen. Natürlich hat Lambsdorff an einzelnen Punkten seine persönliche Verantwortung zurückgewiesen. Er habe Veranstaltungen mit ehemaligen Nazi-Funktionären machen müssen, weil die eben auch in der FDP waren.

Hat – unabhängig von Lambsdorff – die FDP auf Ihre Anwürfe reagiert?

Ich habe Guido Westerwelle auf einer Wahlkampfveranstaltung in Aachen angesprochen. Er hat es nicht ganz verstanden und meinte, ich hätte Lambsdorff als „Nazi“ bezeichnet. Das ist natürlich Quatsch. Der Vorwurf war und ist, dass Lambsdorff als politischer Helfershelfer von Nazi-Kriegsverbrechern in den fünfziger Jahren agiert hat.

Es gibt eine Zusicherung der Aachener FDP gegenüber dem WDR, dass sie sich nach den Kommunalwahlen zu den Vorwürfen äußern will. Bislang haben wir aber noch nichts davon gehört.

Es gibt offensichtlich bis in die Verhandlungsebenen hinein geteilte Auffassungen, welche Konsequenzen aus den Vorwürfen gegen Lambsdorff zu ziehen sind. Der Mann gilt als zumindest durchsetzungsfähiger als sein Vorgänger Bodo Hombach.

Das mag sein. Der kennt sich mit deutschen Industriellen aus. Lambsdorff hat langjährige Erfahrungen in dieser Szene – er gehört ja zu den Verurteilten der Flick-Affäre in den achtziger Jahren. Es ist kein Widerspruch, dass jemand, den man politisch ablehnt, sein Handwerk verstehen kann.

Wir haben uns an den Interessen der Zwangsarbeiter orientiert. Interessant war ja auch, dass wir im Laufe der Recherche auch jünger datierte Dokumente gefunden haben, die eine gewisse Kontinuität in seiner Karriere aufzeigten. Und es ist nur legitim, dies dann auch der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Sind Sie in Ihren Recherchen behindert worden?

Nein, in keiner Weise. Die Archiv-Mitarbeiter waren überall sehr kooperationsbereit. Im Übrigen haben wir die Informationen bereits vor der Weitergabe an die Presse an die an den Verhandlungen beteiligten Organisationen gegeben. Erstaunlich ist, dass Lambsdorff offensichtlich von niemandem gewarnt worden ist.

Ich habe nicht einmal erwartet, dass die Angelegenheit sich so schnell zuspitzt. Wir hatten diese Möglichkeit natürlich diskutiert – gerade bei den Überlebenden-Verbänden gibt es ein sehr starkes und berechtigtes Interesse daran, dass die Verhandlungen nicht unnötig herausgezögert werden.

Unsere Einschätzungen waren unterschiedlich. Ich glaube aber, niemand aus diesem Spektrum findet es wirklich verwerflich oder falsch, sich mit der Vorgeschichte des Verhandlungsführers auseinanderzusetzen. Die Frage ist nur, welche Konsequenzen realistisch zu fordern sind.

Es ist wahrscheinlich nicht so leicht für die Bundesregierung, einen Verhandlungsführer mit einer gewissen – auch historischen – Lebenserfahrung zu finden, männlich, mit guten Kontakten zur deutschen Industrie und mit Verhandlungsgeschick – der keinen mit dem NS verbundenen Dreck am Stecken hat?

Ja, doch das ist mir zu allgemein. Wenn Lambsdorff – der gern damit hausieren geht, er habe gute Kontakte auch zu jüdischen, US-amerikanischen Kreisen – öffentlich sagt, für ihn seien gerade die Nürnberger Prozesse so wichtig gewesen, um zu kapieren, was im NS passiert ist – wenn dieser Mensch aber eben mehrere Jahre nach den Nürnberger Prozessen an führender Stelle einschlägig mit genau diesen Nazi-Kriegsverbrechern zu tun hatte, Kampagnen mit organisiert hat für deren Amnestie, dann stimmt da ja was nicht.

Im Übrigen geht es bei unserer Kritik nicht nur um diese nun gut 45 Jahre alten Geschichten. Noch 1992 trat, wie die taz berichtete, Graf Lambsdorff beim Kyffhäuserbund auf und stellte dort öffentlich fest, dass die deutschen Werte und Tugenden wieder gepflegt würden, „trotz der Versuche der Nürnberger Richter, das nationale Denken zu vernichten“. Es gibt da eine Kontinuität, die den Mann nicht sehr vertrauenswürdig macht.

Wagen Sie eine Voraussage über den Ausgang der Verhandlungen?

Ich glaube nicht wirklich, dass es eine befriedigende Lösung geben wird. Aber ich würde mich freuen, wenn es dazu käme. Dass dann Lambsdorff lächelte, das würde ich schon in Kauf nehmen… Auf unserer Pressekonferenz hat Kurt Goldstein vom Auschwitz-Komitee dem Sinne nach gesagt: Für eine angemessene Entschädigung führen wir die Verhandlungen notfalls mit dem Teufel

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Graf Lambsdorff

Dunkle Schatten holen den Helfer der Nazi-Opfer ein:
Graf Lambsdorff soll sich als einstiger FDP-Rechtsaußen vor Kriegsverbrecher gestellt haben

Bonn – Als Regierungsbeauftragter für die Entschädigung von früheren NS-Zwangsarbeitern hilft Otto Graf Lambsdorff deutschen Firmen, ihre Geschichte im „Dritten Reich“ aufzuarbeiten. Jetzt holt den früheren FDP-Chef die eigene Vergangenheit ein.

Von HEINZ-PETER FINKE (Bonner Redaktion)

Überlebende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter beschuldigen Lambsdorff, nach 1945 NS-Schergen geschützt und sich zum „politischen Helfershelfer von Nazi-Kriegsverbrechern“ gemacht zu haben. Die Wurzeln dieser Vorwürfe reichen bis in die frühen 50er Jahre zurück. Vor dem Hintergrund einer parteiübergreifend befürworteten „Bundesamnestie“ für NS-Straftäter rang die FDP um ihren Kurs.

In Aachen tobte ein Kampf zwischen Konservativen braunen Anstrichs und gemäßigten Liberalen. Otto Graf Lambsdorff hielt es als Bezirksvorsitzender von Aachen-Land mit den National-Konservativen und mit der Landesspitze um den Vize-Bundeschef Friedrich Middelhauve. In Aachen behielt der national-konservative Flügel die Oberhand.

Wie der Historiker Stephan Stracke jetzt durch Dokumente aus dem Koblenzer Bundesarchiv, dem Düsseldorfer Staatsarchiv und dem FDP-Archiv in Gummersbach beweist, schlug Lambsdorffs Herz ganz rechts. So lehnte Ende 1952 ein Teilnehmer einer Parteiversammlung ohne Widerspruch Lambsdorffs einen deutschen Wehrbeitrag mit dem Satz ab: „Solange die Verbrecher vom 20.Juli frei herumlaufen und Hochverräter in der Bundesregierung sitzen, kommt ein Wehrbeitrag nicht in Frage.“

Stracke und die NS-Opfer werfen Lambsdorff vor, mit holländischen Nazi-Kollaborateuren verkehrt zu haben. Nachdem Weihnachten 1952 sieben NS-Kriegsverbrecher aus dem Gefängnis im niederländischen Breda geflohen waren, fand der zu „lebenslänglich“ verurteilte frühere SS-Mann Antoine Touseul in Aachen Zuflucht. Lambsdorff traf ihn. So berichtet es ein Vernehmungsbericht der BKA-Sicherungsgruppe Bonn vom Januar 1953. Vorgeworfen wird Lambsdorff auch, in einer Veranstaltung mit dem Kriegsverbrecher Werner Best zum Thema Generalamnestie aufgetreten zu sein. Best war Stellvertreter Reinhard Heydrichs bei der Gestapo, Chef der Innenverwaltung im besetzten Frankreich und Reichsbevollmächtigter in Dänemark. Der Jurist Best wiederum führte dem FDP-Landtagsabgeordneten und früheren NS-Diplomaten Ernst Achenbach die Feder, der neben Middelhauve die braune Infiltration der FDP betrieb.

Der ehemalige FDP-Chef recherchiert gegenwärtig noch die Vorwürfe, die er in einer ersten Stellungnahme als eine Mixtur aus „Dichtung und Wahrheit“ bezeichnete. Möglicherweise ist dort allerdings mehr Wahrheit als Dichtung enthalten. Denn während er zunächst erklärte, er könne sich an Touseul nicht erinnern, hat er 1953 gegenüber dem BKA das Treffen mit dem Kriegsverbrecher eingeräumt. Zu seiner Entlastung kann Graf Lambsdorff vorbringen, dass er damals mit seiner Haltung in der FDP nicht alleine stand. Die National-Konservativen wurden in NRW erst Mitte der 50er Jahre durch die Jungtürken Walter Scheel und Willi Weyer aus der Spitze entfernt und verloren in der Bundespartei endgültig nach dem Abtritt Erich Mendes als Bundesvorsitzender Ende der 60er Jahre an Einfluss. Dass Lambsdorff, wie jüngst gefordert, als Verhandlungsführer abgelöst wird, gilt als unwahrscheinlich. Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Kurt Goldstein, relativierte die Rücktrittsforderung inzwischen. Wichtig sei, dass Lambsdorff nicht die Interessen der Industrie, sondern der Opfer vertrete. Insbesondere müsse bis zum 1.September, dem 60. Jahrestag des Überfalls auf Polen, eine Lösung gefunden sein. Für Goldstein ist ein schnelles Ergebnis entscheidend, ¸¸auch mit Graf Lambsdorff, auch mit dem Teufel“.

Stuttgarter Nachrichten 25.8.99

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Ein Geburtstagsgruß für „Bichette“.


Dem Wuppertaler Widerstandskämpfer und Historiker Helmut Hirsch zum 100.Geburtstag.

von Stephan Stracke

09/07

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Am 2. September feiert Helmut Hirsch in seiner neuen Heimatstadt Düsseldorf seinen Geburtstag und er wird auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Helmut Hirsch ist einem breiten Publikum durch seine Monographien in der bekannten Reinbek Reihe bekannt. Sein Buch über Rosa Luxemburg wurde über 100.000 Mal verkauft und ein internationaler Bestseller. Er portraitierte u.a. Friedrich Engels, August Bebel, aber auch die Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation Bettine von Arnim und Sophie von Hatzfeld. Nur wenig bekannt hingegen ist Helmut Hirschs Engagement in der französischen Emigration für die Volksfront: u.a. seine Mitarbeit im „Lutetia-Kreis“ und im „Aktionsausschuss für die Freiheit in Deutschland.“Helmut Hirsch stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Wuppertal Barmen. Seine Mutter war die Elberfelder Damenputzmacherin Hedwig Hirsch, geborene Fleischhacker. Sein Vater war der Kaufmann und vor allem linkssozialdemokratische Aktivist Emil Hirsch, vielfältig engagiert u.a. als Mitglied des Arbeiter Soldatenrates, während des Kapp-Putsches war er Zahlmeister des Aktionsausschusses der Arbeiterbewegung. Er war Stadtverordneter der USPD und SPD und einer der Mitbegründer der Volksbühne in Wuppertal.

Helmut Hirsch engagierte sich zunächst im jüdischen Wanderbund Blau-Weiss in Elberfeld. Von 1928 studierte er Theaterwissenschaft, Zeitungskunde, Philosophie und Kunstgeschichte. Seine Promotion über den engen Weggefährten von Karl Marx, Karl Friedrich Köppen, kann Hirsch 1933 aus politischen Gründen in Leipzig  nicht mehr einreichen. Sie kann erst 1936 in den Niederlanden veröffentlicht werden.

Nach dem Reichstagsbrand beginnt auch in Wuppertal ein beispielloser SA-Terror: über 30 Menschen aus der Arbeiterbewegung werden auf offener Strasse erschossen oder in Waldstücken getötet aufgefunden. Anfang April wird auch Emil Hirsch in Schutzhaft genommen. Er wird später im KZ Kemna bestialisch gefoltert und kann sich erst 1937 mit seiner Frau ins englische Exil retten.

Nach der Verhaftung seines Vaters fällt Helmut Hirsch eine schnelle und schließlich lebensrettende Entscheidung. Er und seine Verlobte Eva Buntenbroich entscheiden sich zur Flucht. In einer Art Nothochzeit auf dem Kölner Standesamt heiratet das Paar. Die Hochzeitsreise führt die beiden ins noch Nazifreie Saarland. Im Saarland wie auch später in Frankreich lebt das junge Paar das armseelige „Exil der kleinen Leute“. Nur mit Not können sie sich mit Gelegenheitsjobs als Sprachlehrer und Hilfsarbeiter über Wasser halten. Helmut Hirsch knüpft rasch Kontakte zu Exilkreisen um den Düsseldorfer Publizisten Siegfried Thalheimer. Er wird Mitarbeiter von „Westland“, einer wichtigen Exilzeitung im Saarland. In dieser Wochenzeitung des Liberalen Demokraten Thalheimer schreiben auch Autoren wie der Sozialdemokrat Konrad Heiden oder Bernard von Brentano, der der KPD nahe steht. Hirsch beginnt mit eigenen Publikationen. Er recherchiert u.a. für das  „Braunbuch“, einer der wichtigsten publizistischen Waffen gegen den „Reichstagsbrandprozess“.

Nach der verheerenden Niederlage für die Hitler-Gegner bei der Saarabstimmung am 13. Januar 1933 fliehen Helmut und Eva Hirsch nach Frankreich. In Paris ist Helmut Hirsch als Beauftragter von „Westland“ akkreditiert und schreibt in der Zeitschrift L’Europe Nouvelle. Ab September 1935 wird er Mitarbeiter von  Rudolf Leonard und Maximilian Scheer, die den „Aktionsausschuss für die Freiheit in Deutschland“ aufbauen. Dieser Ausschuss ist der Vorläufer des berühmten „Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront“, dessen Bemühungen in den großen Versammlungen im Hotel Lutetia ihren Höhepunkt finden. Helmut Hirsch nimmt als Vertreter der Westland-Gruppe an beiden Lutetia-Konferenzen teil.

In dieser Zeit beginnt Helmut Hirsch auch unter seinem Pseudonym H. Bichette, zu deutsch „Hirschkälbchen“ Beiträge für verschiedene Exilzeitungen zu verfassen.

Die Bemühungen um Einheit- und Volksfront aller Nazigegner scheitern. Die SPD- Führung ist nicht bereit mit der KPD zusammen zu arbeiten. Die Hoffnungen auf den Sieg der Spanischen Republik im Bürgerkrieg erfüllen sich nicht. Mit den ersten Moskauer Prozessen im August 1936 beginnen die Liquidierungen der Antistalinisten und es setzt eine (weltweite) Hatz auf vermeintliche Trotzkisten ein. In dieser Situation verlieren die meisten Exilanten ihre politischen Hoffnungen. Die Nachgiebigkeit der Westmächte, die Apeasement-Politik und als Schlusspunkt das Münchner Abkommen auf der einen Seite und der Hitler-Stalin Pakt auf der anderen Seite zerstören aller Hoffnungen auf Widerstand.

Auch Helmut Hirsch muss sich umorientieren. Seine Artikel werden nach einer vorsichtigen Kritik an der „Trotzkistenhatz“ in der kommunistischen DVZ nicht mehr gedruckt. In einem „privaten Verhör“ ließ er sich gegenüber Hermann Duncker zur Äußerung hinreißen, Karl Marx wäre nach 1848/49 Trotzkist geworden. Ab 1938 ist er einziges Redaktionsmitglied der durch Siegfried Thalheimer gegründeten und geleiteten Halbmonatszeitschrift Ordo und Sekretär des damit verbundenen „Comité Juif d’Etudes Politiques“. Das  Comité hatte sich zum Ziel gemacht, den Willen zur Selbstbehauptung und Selbstbefreiung zu stärken.

Bei Kriegsausbruch 1939 werden Helmut und Eva Hirsch  – wie alle deutschen und österreichischen Exilanten von den französischen Behörden interniert. Nur mit größter Mühe kommen sie aus den Lagern frei und schlagen sich nach Marseille in die unbesetzte Zone durch. Mit Hilfe von Hubertus Prinz zu Löwenstein erhalten sie in letzter Minute ein Notvisum für die USA. Löwenstein, Aktivist der katholischen Zentrumspartei, war selbst aus Deutschland geflüchtet und war der Generalsekretär der „American Guild for German Cultural Freedom“, einer Organisation, die versuchte für emigrierten Intellektuelle Geldmittel und Visa für die USA oder für Mexiko zu besorgen. Am 21. Juni 1941 verlassen die Hirschs das von Nazi-Deutschland besetzte Europa. In den USA leben sie das schwere und prekäre Leben der Exilanten. Helmut Hirsch wird Lagerarbeiter in einem Warenhaus, Eva Hirsch hat Glück und bekommt einen Job als Gymnastiklehrerin. Die beiden Exilanten sind aber nicht allein, sie finden Freunde, die ihnen auf ihrem weiteren Lebensweg behilflich sind. Helmut Hirsch kann schließlich sein Studium an der Universität in Chicago mit einer Arbeit zum Saarland vollenden und wird Professor für Europäische Geschichte in Chicago. Als Professor engagiert er sich für die Gleichbehandlung von Schwarzen an den Universitäten, gegen die Repression der McCarthy-Ära und bleibt in Kontakt mit anderen fortschrittlichen Exilanten.

Wie viele Exilanten zieht es auch Helmut Hirsch und Eva Hirsch zurück nach Deutschland. Sie kehren 1957 in ihre alte Heimat zurück Als Remigrant muss er erste bittere Erfahrungen mit dem „neuen Deutschland“ machen. Der Bundesgerichtshof verweigert Helmut und Eva Hirsch einen Teil der Entschädigung mit einer skandalösen Begründung:

„Der Antragsteller hat fluchtartig Deutschland verlassen. Dabei wird er zunächst kaum ein Auswanderungsziel, sondern nur den Gedanken gehabt haben, durch Auswanderung sein Leben in Sicherheit zu bringen. In Frankreich hat er sich jedoch von 1933 bis 1941 aufgehalten. Er hat in Paris eine Wohnung gehabt und sich von Deutschland einen Teil seiner Wohnungseinrichtung schicken lassen. Bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich im Jahre 1940 hat er rund sieben Jahre Zeit gehabt zu einer Weiterwanderung in die USA. (…) Eine Entschädigung für die Weiterwanderung von Frankreich nach USA im Jahre 1941 kann daher nicht erfolgen, denn die Weiterwanderung ist aufgrund eines neuen Beschlusses erfolgt, der offensichtlich durch die deutsche Besetzung Frankreichs veranlasst wurde.“

Der Entschädigungsbescheid wird Helmut Hirsch insgesamt 29,28 DM zubilligen. Die Behörde hatte den Gegenwert einer Fahrkarte Wuppertal-Paris errechnet. Auch ein Lehrstuhl in Deutschland bleibt ihm versagt. Von 1958-1971 lehrt Hirsch lediglich an der Düsseldorfer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie und erst 1972 wird er durch Fürsprache von Johannes Rau Honorarprofessor für Politikwissenschaft an der Gesamthochschule Duisburg.

Eine weitere, vielleicht für ihn wichtigste Ehrung ist die späte Verleihung seines Doktor-Titels für seine 1933 in Leipzig abgeschlossene Dissertation. Im Januar 1989 verleiht ihm die Karl Marx Universität in Leipzig in einer viel beachteten Veranstaltung den Doktor-Titel. Helmut Hirsch sind zahlreiche weitere Ehrungen zuteil geworden, darunter 1978 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 1980 der Saarländische Verdienstorden und 1988 der Verdienstorden des Landes NRW. Über den Eduard von der Heydt Preis der Stadt Wuppertal wird er sich wohl nicht mehr freuen, seit bekannt ist, das der Namengeber von der Heydt persönlich bekannt war mit Göbbels, Hitler und Göring, bei Bedarf antisemitisch hetzte und in der Schweiz für die Nazi-Abwehr Bankkonten verwaltete und Agenten des NS-Staates mit Geld ausstattete.

Deshalb setzt sich der jetzt 100 jährige Antifaschist, Historiker und „Eduard von der Heydt Preisträger“ Helmut Hirsch zusammen mit anderen bekannten namhaften Intellektuellen für die Umbenennung des Kulturpreises ein. Es ist zu hoffen, dass wir das noch erleben dürfen. Deswegen wünschen wir uns und natürlich besonders Helmut Hirsch noch ein langes Leben!

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Widerstandskämpfer ohne Grab

Zum 70. Todestag des Wuppertaler Widerstandskämpfers Ewald Funke

Die Wuppertaler VVN und die Forschungsgruppe Wuppertaler Widerstand (Verein zur Erforschung der Sozialen Bewegungen im Wuppertal. e.V.) laden für den 4. März 08 um 17:30 Uhr zu einer Gedenkfeier am Mahnmal für die Wuppertaler Opfer des Nationalsozialismus in den Deweertschen Garten in Wuppertal-Elberfeld ein.

Am 4. März 2008 jährt sich zum 70. Mal die Hinrichtung des Wuppertaler Widerstandskämpfers Ewald Funke. Auf roten Plakaten und mit einer knappen Pressemitteilung wurde die Hinrichtung des Widerstandskämpfers bekannt gegeben. „Der vom Volksgerichtshof am 16. August 1937 wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zum Tode und zu dauerndem Ehrverlust verurteilte 32jährige Ewald Funke aus Wuppertal-Elberfeld ist heute Morgen hingerichtet worden.“

Sein Vater hatte sich vergeblich um die Herausgabe des Leichnams bemüht. Der Leichnam Ewald Funkes wurde dem Anatomischen Institut der Universität Berlin überlassen. Eine Grabstelle für ihn gibt es nicht, die Leichenteile wurden verbrannt und an unbekannter Stelle auf einem unbekannten Berliner Friedhof bestattet. Gräbersuche

Bei der Vorbereitung einer Gedenkfeier für Ewald Funke hatten sich Wuppertaler HistorikerInnen und die VVN/BdA auf die Suche nach dem Grab von Ewald Funke gemacht. Es stellte sich heraus, das seit 1938 die Leichen der in Plötzensee Hingerichteten nicht mehr zur Beerdigung freigegeben wurden, sondern der Berliner Anatomie zur Verfügung gestellt wurden. Die „nichtverwertbaren Reste“ wurden in Berliner Krematorien verbrannt und in der Regel in anonymen Urnen auf Gräberfeldern auf Berliner Friedhöfen begraben. Zum 70. Todestag von Ewald Funke ist daher ein Gedenken an dem Grab von Ewald Funke nicht möglich.

Die Suche nach den Gräbern geht aber weiter. Das Fehlen der Gräber betrifft nicht nur die Wuppertaler Angehörigen, sondern fast 3000 Familien im In- und Ausland, deren hingerichtete Familienmitglieder kein Grab haben. Deshalb laden die Angehörigen und Freunde der Wuppertaler NS-Opfer zusammen mit der VVN-BdA Anfang Juni 2008 nach Berlin ein, um zusammen mit anderen Angehörigen und Verfolgtenverbänden gemeinsam zu beraten, wie die Gräber doch noch gefunden werden können. Ein weiteres Anliegen ist die Aufstellung von würdigen Erinnerungszeichen an den gefundenen Gräberfeldern und Hinweistafeln in der Gedenkstätte Plötzensee zum Verbleib und zur Verwertung der Leichen in der Berliner Anatomie.

Ewald Funke

Ewald Funke wurde als Kind einer sozialdemokratisch eingestellten Familie am 30. Juli 1905 in Remscheid geboren. Er machte eine Ausbildung als kaufmännischer Angestellter und war bis 1933 beim Arbeitsamt in Wuppertal beschäftigt. Der Vater war Stadtverordneter der USPD in Remscheid und Sekretär des freigewerkschaftlichen Holzarbeiterverbandes und trat nach Auflösung der USPD wieder in die SPD ein. Die Söhne Ewald, Otto und Kurt waren, bevor sie in die KPD bzw. in den Kommunistischen Jugendverband übertraten, wichtige Funktionäre der sozialdemokratischen SAJ und der Jungsozialisten. Ewald Funke trat spätestens 1932 in die Dienste des AM-Apparates in Wuppertal, wo er zunächst für die „Zersetzungsarbeit“ innerhalb der SPD zuständig war. 1933 leitete er den Geheimapparat der KPD in Wuppertal und später im gesamten Bezirk Niederrhein. Die „Abteilung Militärpolitik“ (AM) war der Nachrichtendienst der KPD. Der AM-Apparat war in Wuppertal die einzige Struktur der KPD, die von den ersten Verhaftungswellen verschont blieb. Der Apparat setzte sich in Wuppertal u.a. aus ehemaligen Sozialdemokraten, Intellektuellen und jüdischen Kommunisten zusammen. Hauptaufgabe war die Absicherung der Spitzenfunktionäre bzw. die Beschaffung von illegalen Wohnungen, schließlich wurde ihnen die Spitzelabwehr übertragen. Zusammen mit Kontaktleuten aus den Betrieben verfassten sie Betriebsberichte, erforschten die Stimmung und ’spionierten‘ nach Rüstungsgütern. Der Wiederaufbau der Gewerkschaftsgruppen wurde begleitet durch ein Netz von Vertrauensleuten in den Betrieben, die regelmäßig Informationen und Stimmungsberichte an den AM-Apparat weitergaben. Es gelang in Wuppertal sogar sozialdemokratische Gewerkschafter wie Friedrich Senger und Adolf Mann für diese gefährliche Arbeit zu gewinnen. So konnten die betrieblichen Auseinandersetzungen 1934 mit intern gewonnenen Informationen, veröffentlicht in Zeitungen und Flugblättern, begleitet werden. Höhepunkt der Aktivitäten war die internationale Solidaritätskampagne zu den Wuppertaler „Gewerkschaftsprozessen“, die über die Strukturen des AM-Apparates mitorganisiert wurde. Erst im Juli 1936, gelang der Gestapo der Einbruch in die verdeckten Strukturen. Bis dahin arbeiteten sogar zwei eingeschleuste Kommunisten unerkannt in der SA, in der HJ und in der Deutschen Arbeitsfront.

Ewald Funke wurde im Frühjahr 1934 aus Sicherheitsgründen ins Exil abgezogen und auf die Militärpolitische Schule in Moskau geschickt. Nach Auflösung des AM- Apparates wurde er 1936 von der Schweiz aus als Instrukteur für den Großraum Stuttgart eingesetzt. Auf seiner dritten Reise wurde er zusammen mit Max Stingl verhaftet. Sie waren von dem Spitzel Eugen Wicker, der in der Widerstandsleitung der Stuttgarter KPD arbeitete, verraten worden. Max Stingl und Ewald Funke wurden brutal gefoltert. Stingl Ewald Funke wurde brutal gefoltert. Die Gestapo erpresste schließlich Aussagen und ein umfangreiches Geständnis. Im gleichen Zeitraum konnte die Gestapo in Wuppertal, Hamburg und Düsseldorf weitere AM-Funktionäre wie Karl Ibach, Otto Kettig, Hans Israel und Karl Tuttas festnehmen, so dass eine Überführung der Widerstandskämpfer durch gegenseitige Belastungen bei den unter Folter durchgeführten Verhören für die Gestapo einfach war. Der 1. Senat des Volksgerichtshofs unter dem Vorsitz von Otto Georg Thierack verurteilte Ewald Funke am 16. August 1937 zum Tode. Er starb am 4. März 1938 in Berlin-Plötzensee unter der Guillotine.

Von Plötzensee in die Anatomie

Ewald Funke ist einer von fast 3000 Menschen, die in der NS-Zeit in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Seit einer Verfügung aus dem Jahre 1938 war eine Herausgabe der Leichen Hingerichteter nicht mehr „vorgesehen“. Die Gestapo wollte wohl Solidaritätskundgebungen bei den Beerdigungen der WiderstandskämpferInnen vermeiden. Angehörige, die zum Teil persönlich in Berlin um die Herausgabe der sterblichen Überreste ihrer Kinder nachfragten, wurden abgewiesen. Die Leichen wurden direkt von den Helfern des Chefanatomen Hermann Stieve in die Berliner Anatomie der Friedrich Wilhelms Universität gebracht. Dort dienten die Körper der Hingerichteten zum einen der Ausbildung der Mediziner, zum anderen zu Forschungszwecken. Der bekannte Wissenschaftspublizist Hoimar von Ditfurth erinnerte sich, dass es bei seinem Studium dort nie zu einem Mangel an Leichen gekommen sei. „Es waren ganz überwiegend Leichen von jungen, gesunden Männern. Und noch etwas war allen Leichen gemeinsam. Ihnen fehlte der Kopf.“

Die Körper der WiderstandskämpferInnen wurden aber auch der Forschung zur Verfügung gestellt. Es wurden Präparate von Körperteilen, Schädel- und Knochensammlungen angelegt. Der Berliner Anatom Hermann Stieve profitierte besonders von der „zeitnahen Anlieferung“ junger Frauenleichen, die er für seine gynäkologischen Forschungen nutzte. Sein wissenschaftliches Renommee erwarb er sich damit, dass er „plötzlich zu Tode gekommenen“ jungen Frauen unmittelbar nach dem Tod die Eierstöcke und Gebärmutter entnahm und untersuchte. 1938 schrieb Stieve begeistert von den neuen Möglichkeiten der Forschung: „Durch die Hinrichtungen erhält das Anatomische und anatomisch-biologische Institut einen Werkstoff, wie ihn kein anderes Institut der Welt besitzt.“ In einer Fachzeitung publizierte er 1942 über „Die Wirkung von Gefangenschaft und Angst auf den Bau und die Funktion der weiblichen Geschlechtsorgane“. Noch nach dem Krieg berichtete Hermann Stieve über eine 22-jährige Frau, deren Monatsblutung „infolge starker nervöser Erregung“ elf Monate lang ausgeblieben war. Aber plötzlich trat, „im Anschluss an eine Nachricht, die die Frau sehr stark erregt hatte (Todesurteil), eine Schreckblutung ein. Am folgenden Tag starb die Frau plötzlich durch äußere Gewalteinwirkung.“ Noch 1952 schrieb Stieve im „Zentralblatt für Gynäkologie“, das er „mehrfach“ Gelegenheit hatte, „Männer und Frauen zu untersuchen, die langsam verhungert waren. Gemeint waren wohl „angelieferte Körper“ aus Konzentrationslagern und „Euthanasie“- Anstalten.

Genaueres, was die Verwertung der Körper des einzelnen Hingerichteten angeht, ist nicht bekannt. Das Leichenbuch, das über die Verwendung der Körper Auskunft hätte geben könnte, wurde von interessierter Seite rechtzeitig vernichtet. So konnte auch Hermann Stieve nach dem Krieg seine wissenschaftliche Karriere in Ost und West fortsetzen. Stieve war erfolglos, aber eingehend von den Alliierten und dem MfS befragt worden, ein Mitarbeiter von Stieve wurde allerdings von sowjetischen Behörden verhaftet. Sein Schicksal ist unbekannt. Stieve selbst konnte sich damit herausreden, dass es auch zur Zeiten der Weimarer Republik normal gewesen sei, dass Hinrichtungsopfer der Anatomie „zufallen“. Ohne Leichenbuch konnte ihm eine gezielte Forschung an den Leichnamen politischer NazigegnerInnen nicht nachgewiesen werden. 1952 starb Hermann Stieve, hoch geachtet in Ost und West. In einem Nachruf heißt es: „Als leidenschaftlicher Jäger holte er sich seine Objekte aus manchen Ländern Europas: Was er tötete und was die Anatomie ihm bot, machte er durch Deutung in Worte und Schrift wieder lebendig. Die Leichen stammten von Unglücksfällen oder von Menschen, die wegen gemeiner Verbrechen (…) von regulären Gerichten zum Tode verurteilt waren.“

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Ein etwas anderer Nachruf auf Otto Graf Lambsdorff

Zur Not verhandeln wir mit dem Teufel:

(Der Freitag)

von Stephan Stracke

Otto Friedrich Wilhelm Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff ist tot. Am Samstag verstarb der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff im Alter von 82 Jahren. Die Nachrufe aus der politischen Klasse ehren den Spross des westfälisch-baltischen Landadels als erfolgreichen Kämpfer für die soziale Marktwirtschaft. Getrübt wird sein politisches Leben nur durch die Parteispendenaffäre Mitte der 80er Jahre. Der Flick-Konzern hatte auch Lambsdorff mit großzügigen Parteispenden bedacht. Lambsdorff musste von seinem Ministeramt zurücktreten.1987 wurde der Liberale wegen Steuerhinterziehung zu 180.000 Mark Geldstrafe verurteilt. Gleichwohl konnte der nun vorbestrafte Politiker seine politische Karriere weiter ungestört fortsetzen. Steuerhinterziehungen, verdeckte Parteifinanzierungen, Waffengeschäfte und Schwarzgeldkonten waren auch in der Kohl-Ära en Vogue und sind für überzeugte Marktwirtschaftler kein Problem. Lambsdorff war schnell wieder im politischen Geschäft. Die FDP wählte ihn zum Bundesvorsitzenden, als Netzwerker des Kapitals tummelte er sich zudem in internationalen Gremien wie in der legendären Trilateralen Kommission.

Seine eigentliche Sternstunde sollte aber erst noch kommen. Als 1999 Sammelklagen von NS-Opfern in den USA die Exportchancen der deutschen Wirtschaft empfindlich zu stören drohten, beauftragte Kanzler Schröder Lambsdorff mit der Lösung der Zwangsarbeiterfrage. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen war die Presse begeistert: Lambsdorff “hat die Nerven behalten, hat Autorität, zeigt keine Schwäche, verachtet die, die Schwäche zeigen, in seiner Welt hat der Stärkere Recht, Leute von seinem Schlag sind heute selten, er ist der Zwangsarbeiter, der für Deutschland verhandelt.” Schließlich wurde die Rechtssicherheit für die deutsche Wirtschaft hergestellt und große Opfergruppen wie die italienischen Militärinternierten und die sowjetischen Kriegsgefangenen blieben ohne Entschädigung.

Diese “Nebenaspekte” der Zwangsarbeiterentschädigung sind natürlich längst vergessen. Hingegen hat sich Graf Lambsdorff in der Erinnerung der politischen Klasse unsterblich gemacht wie die zahllosen Nachrufe zeigen. “Unvergessen” sei sein “Engagement für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern” lobten die Spitzengrünen Künast und Trittin in ihren Kondolenzschreiben. Lambsdorff habe einen entscheidenden Beitrag zum verantwortungsvollen Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit geleistet, argumentierte der Generalsekretär der CDU Hermann Gröhe. Für den Chefredakteur der “Welt” Thomas Schmid war er “Teil jener Aufbaugeneration, der — nach den ideologischen Exzessen der Nazizeit — Nüchternheit über alles ging. “Die deutsche Schuld war für ihn etwas, das sein Leben geprägt hatte, mit Leidenschaft setzte er sich für die Entschädigung der von Deutschen Ausgebeuteten, Verschleppten und Gequälten ein.”

Dass Otto Graf Lambsdorff 1952/1953 als junger FDP- Bezirksvorsitzender in Aachen auch ein großes Herz für NS-Kriegsverbrecher hatte, wird in allen Nachrufen verschwiegen. Diese biographische Randnotiz in seinem langen erfolgreichen Politikerleben störte 1999 auch nur kurz die Performance des Chef-Unterhändlers.

Am 22. August 1999 wandten sich mit Esther Bejanaro, Peter Gingold und Kurt Goldstein prominente Überlebende der Shoah und der Zwangsarbeit an die Öffentlichkeit und forderten überraschend die Abberufung von Lambsdorff. Sie beriefen sich auf Archiv-Unterlagen, denen zufolge Lambsdorff sich als Bezirksvorsitzender der FDP Aachen 1952/53 “zum politischen Helfershelfer von Nazi-Kriegsverbrechern gemacht” habe. Lambsdorff sei mit Heydrichs Stellvertreter Werner Best aufgetreten und habe eine Generalamnestie für NS-Kriegsverbrecher gefordert. 1952 soll er nach einem Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) auch den Kriegsverbrecher Antoine Touseul getroffen haben, der aus einem niederländischen Gefängnis geflohen war und die FDP in Aachen um Hilfe bat. “Lambsdorff ist in seiner Funktion als Verhandlungsführer der Bundesregierung für uns als Überlebende untragbar. Wer Nazikriegsverbrecher trifft, unterstützt, ihre Kampagnen mitträgt und persönlich mit ihnen Veranstaltungen abhält, hat sich disqualifiziert für Verhandlungen mit den Überlebenden der Shoah, der Konzentrationslager und der Zwangsarbeit.”

Die Fakten sind eindeutig. Am 26. Dezember 1952 gelang 7 niederländischen Kriegsverbrechern die Flucht aus dem Gefängnis in Breda. Einer der Flüchtigen, Antoine Touseul, von einem niederländischen Gericht zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt, begab sich nach Aachen und wählte als Anlaufpunkt das Büro des Chefredakteurs der Aachener Nachrichten und 2. Kreisvorsitzenden der FDP Hermann Schaefer. Schaefer war als ehemaliger HJ-Führer mit vielfältigen Kontakten zu NS-Funktionseliten den Fluchthelfern wohl bekannt. Touseul wurde aufgenommen, verpflegt und untergebracht. Die Funktionäre der FDP in Aachen waren sehr hilfsbereit, es kam zu mehreren Treffen mit Touseul. Auch Otto Graf Lambsdorff traf mit dem verurteilten, flüchtigen Kriegsverbrecher zusammen, so die Aussage von Lambsdorff in einem Vernehmungsbericht der BKA-Sicherungsgruppe Bonn vom 22. Januar 1953. Am 9. Januar 1953 begleitete Schaefer Touseul persönlich zu einen Gespräch mit dem FDP Bundestagsabgeordneten Erich Mende ins Bundeshaus nach Bonn. Mende erklärte sich einen Tag später öffentlich für den steckbrieflich gesuchten Kriegsverbrecher und lehnte die geforderte Auslieferung an Holland ab. Nach dem Gespräch mit Mende taucht der Gesuchte wieder im Raum Aachen unter, erst Monate später wird das Mitglied der Waffen-SS verhaftet. In einem spektakulären Prozess 1954 wurde er aber freigelassen, weil er als SS-Angehöriger automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt hatte und deshalb nicht ausgeliefert werden durfte..

Auch über die konkrete Fluchthilfe hinaus sind die Belege für Lambsdorffs rechtsradikale Lebensphase vielfältig. Denn dieses Zusammentreffen mit dem entflohenen SS-Mann war kein Zufall, sondern damaliges FDP-Programm. Freiheit für alle NS-Kriegsverbrecher war die politische Losung einer FDP, der sich Lambsdorff 1951 angeschlossen hatte und die besonders in NRW von NS-Kadern gezielt unterwandert wurde, die vom so genannten Gauleiter-Kreis um Werner Naumann betrieben wurde. Wer in der damaligen FDP unter NRW-Chef Friedrich Middelhauve Karriere machen wollte, stritt automatisch für die Befreiung aller NS-Kriegsverbrecher aus alliierter Haft und war umgeben von NS-Kadern und ehemaligen Waffen-SS Offizieren wie Ernst Achenbach, Carl Peter Marks, Hugo Kraas,Wolfgang Diewerge, Heinz Wilke und Siegfried Zoglmann. Erst 1953 griff die britische Militärregierung mit Verhaftungen ein und bereitete der NS-Unterwanderung der FDP ein (vorläufiges) Ende.

Neben der Fluchthilfe für den niederländischen SS-Mann Touseul ist wohl am gravierensten der gemeinsame Auftritt von Lambsdorff mit Werner Best auf einer Veranstaltung für eine Generalamnestie für Kriegsverbrecher in Aachen. Best fungierte zu dieser Zeit als Berater für die FDP und organisierte – finanziert von dem Geld des Ruhrindustriellen Hugo Stinnes – die Kampagne für die Generalamnestie von Essen aus. Best war in jeder Hinsicht eine Spitzenkraft der Nationalsozialisten. Er konnte auf eine lange Partei- und Polizeikarriere im NS-Staat zurückblicken und stieg zum Stellvertreter Reinhard Heydrichs in dessen Eigenschaft als Chef der Sicherheitspolizei und des SD auf und lenkte die “Einsatzgruppen”, die unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen mit der Ermordung der polnischen Führungsschicht begannen. Später agierte er als Chef der Innenverwaltung im besetzten Frankreich und als Reichsbevollmächtigter in Dänemark.

Darüber hinaus organisierte Lambsdorff im Rahmen des FDP-Wahlkampfes eine Veranstaltung mit dem Panzergeneral und FDP-Abgeordneten Hasso von Manteuffel, der den “deutschen Wehrbeitrag” an die Befreiung der in Kriegsverbrecherhaft sitzenden deutschen Militärs knüpfen wollte. Auf dieser Veranstaltung ergriff Lambsdorff auch selbst das Wort und griff den damaligen Aachener Oberbürgermeister Maas an, der im August 1944 im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet wurde und drei Monate im Konzentrationslager Köln-Messehalle einsaß. “Lambsdorff verurteilte, dass Dr. Mass 1946 in seinem offiziellen Lebenslauf veröffentlicht habe, er sei `1941 von den Nazis auf den russischen Kriegsschauplatz geschleppt? worden. Eine solche Geisteshaltung entspräche nicht der ethischen Auffassung eines Deutschen.” (Aachener Nachrichten v. 29.10.1952)

Der von den Shoah-Überlebenden öffentlich zum Rücktritt aufgeforderte Lambsdorff reagierte überraschend unklug, als er vom “SPIEGEL” mit diesen Vorwürfen konfrontiert wurde. Lambsdorff wies die Vorwürfe als eine “Mischung aus Dichtung und Wahrheit” zurück. Er sei nicht mit Best aufgetreten, an Touseul könne er sich nicht erinnern.

Das war sehr peinlich, weil es gelang, auf einer gutbesuchten Pressekonferenz im “Haus der Geschichte” in Bonn die entsprechenden Beweise vorzulegen. Das waren keine “Gerüchte aus brauner Vorzeit” wie Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung titelte, sondern Vernehmungsprotokolle des BKA aus dem Koblenzer Bundesarchiv und Unterlagen aus dem Parteiarchiv der FDP in Gummersbach, die Lambsdorff eindeutig belasteten. Andere Journalisten wie der “Welt”-Autor Torsten Krauel räumten den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe ein, Krauel vermutete aber “Kreise mit Zugang zu speziellen Archiven” hinter der Forderung und sah Indizien, “dass hier womöglich DDR-Quellen sprudeln.” Am schlimmsten war aber für Krauel der Gedanke, dass heute noch “über solche Vorwürfe Politiker stürzen können.”

Das Presseecho war gewaltig, vielleicht zu gewaltig, weil die internationalen Verbände der Zwangsarbeiter und NS-Opfer um den Fortgang der Entschädigungsverhandlungen bangten und eine zeitliche Verzögerung befürchteten, wenn Lambsdorff abgesetzt würde. Überraschend für alle Beteiligten rückte dann Kurt Goldstein vom Internationalen Auschwitz-Komitee von seiner Forderung nach Ablösung von Lambsdorff ab und erklärte dazu auf der Pressekonferenz: “Zur Not verhandeln wir mit dem Teufel”. Lambsdorff blieb im Amt.

In der Öffentlichkeit wurde Lambsdorff seit dieser Zeit als Vater der Zwangsarbeiterentschädigung gefeiert. Die Vorwürfe gegen ihn gerieten in Vergessenheit ebenso wie seine raren geschichtspolitischen Stellungnahmen. Nur wenn er sich unbeobachtet glaubte, wie bei einem Treffen des militaristischen rechtsradikalen Kyffhäuser-Bundes im Juni 1992 sprach wieder der junge Graf Lambsdorff: Als Ehrengast dieser Veranstaltung zeigte er sich befriedigt, dass die deutschen Werte und Tugenden wieder gepflegt werden – “trotz der Versuche der Nürnberger Richter, das nationale Gedenken zu vernichten.”(TAZ 27.6.1992)

Lambsdorff hat sich zu den Vorwürfen übrigens bis zu seinem Tod nicht mehr geäußert. Memoiren sind von ihm nicht (mehr) zu erwarten, hatte er doch süffisant vor Jahren erklärt, warum er keine Memoiren verfasse: “Weil man mit ehrlichen Memoiren die Hälfte seiner Freunde verliert, ohne vorher zu wissen, welche Hälfte es sein wird.” Jetzt sind die HistorikerInnen am Zug.

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